KARL MARX FRIEDRICH ENGELS WERKE
BAND 2
1844 bis 1846
Inhalt
Karl Marx-Friedrich Engels – Die heilige Familie
Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik
gegen Bruno Bauer und Kunsorten
Karl Marx-Friedrich Engels – Die heilige Familie - Vorwort
I. Kapitel
"Die kritische Kritik in Buchbindermeister-Gestalt" oder die kritische Kritik als Herr Reichardt
II. Kapitel
"Die kritische Kritik" als "Mühleigner" oder die kritische Kritik als Herr Jules Faucher
III. Kapitel
"Die Gründlichkeit der kritischen Kritik" oder die kritische Kritik als Herr J. (Jungnitz ?)
IV. Kapitel
"Die kritische Kritik" als die Ruhe des Erkennens oder die "kritische Kritik" als Herr Edgar
1. "Die Union ouvrière" der Flora Tristan
2. Béraud über die Freudenmädchen
3. Die Liebe
4. Proudhon
Charakterisierende Übersetzung Nr. 1
Kritische Randglosse Nr. I
Kritische Randglosse Nr. II
Charakterisierende Übersetzung Nr. II
Kritische Randglosse Nr. III
Charakterisierende Übersetzung Nr. III
Kritische Randglosse Nr. IV
Charakterisierende Übersetzung Nr. IV
Kritische Randglosse Nr. V
V. Kapitel
Die "kritische Kritik" als Geheimniskrämer oder die "kritische Kritik" als Herr Szeliga
1. "Das Geheimnis der Verwilderung in der Zivilisation" und "das Geheimnis der Rechtslosigkeit im Staate"
2. Das Geheimnis der spekulativen Konstruktion
3. "Das Geheimnis der gebildeten Gesellschaft"
4. "Das Geheimnis der Rechtschaffenheit und Frömmigkeit"
5. "Das Geheimnis ein Spott"
6. Lachtaube (Rigolette) "Ein Schritt bleibt noch übrig. Das Geheimnis ist durch seine eigne Konsequenz, wie wir an Pipelet und durch Cabrion gesehen haben, dahin getrieben worden, sich zum bloßen Possenspiel herabzuwürdigen. Es kommt nur noch darauf an, daß sich das Individuum nicht mehr dazu hergibt, die alberne Komödie zu spielen. Lachtaube tut diesen Schritt auf die unbefangenste Weise von der Welt." Jeder kann in einem Zeitraum von zwei Minuten das Geheimnis dieses spekulativen Possenspiels durchschauen und selbst anwenden lernen. Wir wollen eine kurze Anweisung geben. Aufgabe: Du sollst mir konstruieren, wie der Mensch Herr über die Tiere wird? Spekulative Lösung: Gegeben sei ein halb Dutzend Tiere, etwa der Löwe, der Haifisch, die Schlange, der Stier, das Pferd und der Mops. Abstrahiere dir aus diesen sechs Tieren die Kategorie: das "Tier". Stelle dir das "Tier" als ein selbständiges Wesen vor. Betrachte den Löwen, den Haifisch, die Schlange etc. als Verkleidungen, als Inkarnationen des "Tiers". Wie du deine Einbildung, das "Tier" deiner Abstraktion, zu einem wirklichen Wesen gemacht hast, so mache nun die wirklichen Tiere zu Wesen der Abstraktion, deiner Einbildung. Du siehst, daß das "Tier", welches im Löwen den Menschen zerreißt, im Haifisch ihn verschlingt, in der Schlange ihn vergiftet, im Stier mit dem Horn auf ihn losstößt und im Pferd nach ihm ausschlägt, in seinem Dasein als Mops ihn nur mehr anbellt und den Kampf gegen den Menschen in ein bloßes Scheingefecht verwandelt. Das "Tier" ist durch seine eigne Konsequenz, wie wir im Mops gesehen haben, dahin getrieben worden, sich zum bloßen Possenspieler herabzuwürdigen. Wenn nun ein Kind oder ein kindischer Mann vor dem Mops davonläuft, so kommt es nur noch darauf an, daß sich das Individuum nicht mehr dazu hergibt, die alberne Komödie zu spielen. Das Individuum X tut diesen Schritt auf die unbefangenste Weise von der Welt, indem es sein Bambusrohr gegen den Mops agieren läßt. Du siehst, wie der Mensch vermittelst des Individuums X und des Mopses Herr über das "Tier", also auch über die Tiere geworden ist und in dem Tiere als Mops den Löwen als Tier überwältigt hat. In ähnlicher Weise besiegt die "Lachtaube" des Herrn Szeliga durch die Vermittlung des Pipelet und des Cabrion die Geheimnisse des heutigen Weltzustandes. Noch mehr! Sie selbst ist eine Realisation der Kategorie: das "Geheimnis". "Sie ist sich selbst ihres hohen sittlichen Werts noch nicht bewußt, darum ist sie sich selbst noch Geheimnis." Das Geheimnis der nichtspekulativen Rigolette läßt Eugen Sue durch Murph aussprechen. Sie ist "une fort jolie grisette " <"eine sehr hübsche Grisette ">. Eugen Sue hat in ihr den liebenswürdigen, menschlichen Charakter der Pariser Grisette geschildert. Nur mußte er wieder aus Devotion vor der Bourgeoisie und aus höchsteigner Überschwenglichkeit die Grisette moralisch idealisieren. Er mußte ihrer Lebenssituation und ihrem Charakter die Pointe ausbrechen, nämlich ihre Hinwegsetzung über die Form der Ehe, ihr naives Verhältnis zum Etudiant <Student> oder zum Ouvrier <Arbeiter>. Grade in diesem Verhältnis bildet sie einen wahrhaft menschlichen Kontrast gegen die scheinheilige, engherzige und selbstsüchtige Ehefrau des Bourgeois, gegen den ganzen Kreis der Bourgeoisie, d.h. gegen den offiziellen Kreis. 7. Der Weltzustand der Geheimnisse von Paris "Diese Welt der Geheimnisse ist nun der allgemeine Weltzustand, in welchen die individuelle Handlung der 'Geheimnisse von Paris' versetzt ist." Ehe Herr Szeliga "indes" zu der " philosophischen Reproduktion der epischen Begebenheit übergeht", hat er noch "die im vorigen hingeworfenen einzelnen Umrisse zu einem Gesamtbilde zusammenzufassen Es ist als ein wirkliches Geständnis, als eine Enthüllung seines kritischen Geheimnisses zu betrachten, wenn Herr Szeliga sagt, daß er zu der "philo sophischen Reproduktion" der epischen Begebenheit übergehen will. Er hat bisher den Weltzustand "philosophisch reproduziert". Herr Szeliga fährt in seinem Geständnis fort: "Aus seiner Darstellung ergebe sich, daß die einzelnen abgehandelten Geheimnisse ihren Wert nicht für sich, jedes abgetrennt von dem andern haben, keine großartigen Klatschneuigkeiten seien, sondern daß ihr Wert darin bestehe, daß sie in sich eine organisch gegliederte Folge bilden, deren Totalitat das 'Geheimnis' ist." In seiner aufrichtigen Laune geht Herr Szeliga noch weiter. Er gesteht, daß die "spekulative Folge" nicht die wirkliche Folge der "Mystères de Paris" sei. "Zwar treten die Geheimnisse in unserm Epos nicht im Verhältnisse dieser von sich selbst wissenden Folge " (zu kostenden Preisen?) "auf. Wir haben es aber auch nicht mit dem logischen, offen daliegenden freien Organismus der Kritik zu tun, sondern mit einem g eheimnisvollen Pflanzendasein." Wir überschlagen die Zusammenfassung des Herrn Szeliga und gehen sogleich zu dem Punkte über, der den "Übergang" bildet. Wir haben an Pipelet die "Selbstverspottung des Geheimnisses" erfahren. "In der Selbstverspottung richtet das Geheimnis sich selber. Damit fordern die Geheimnisse, sich selbst in ihrer letzten Konsequenz vernichtend, jeden kräftigen Charakter zur selbständigen Prüfung auf." Rudolph, Fürst von Geroldstein, der Mann der "reinen Kritik", ist zu dieser Prüfung und zur "Enthüllung der Geheimnisse" berufen. Wenn wir auf Rudolph und seine Taten erst später, nachdem wir Herrn Szeliga für einige Zeit aus dem Gesicht verloren haben, eingehn werden, so ist so viel vorauszusehn und kann gewissermaßen vom Leser geahnt, ja unmaßgeblicherweise vermutet werden, daß wir an die Stelle des "geheimnisvollen Pflanzendaseins", welches er in der kritischen "Literatur-Zeitung" einnimmt, ihn vielmehr zu einem " logischen, offen daliegenden, freien Glied" im "Organismus der kritischen Kritik" machen werden.
7. Der Weltzustand der Geheimnisse von Paris
VI. Kapitel
Die absolute kritische Kritik oder die kritische Kritik als Herr Bruno
1. Erster Feldzug der absoluten Kritik
a) Der "Geist" und die "Masse"
b) Die Judenfrage Nr. I. Die Stellung der Fragen
c) Hinrichs Nr. I. Geheimnisvolle Andeutungen über Politik, Sozialmus und Philosophie
2. Zweiter Feldzug der absoluten Kritik
a) Hinrichs Nr. II. Die "Kritik" und "Feuerbach". Verdammung der Philosophie
b) Die Judenfrage Nr. II. Kritische Entdeckungen über Sozialismus, Jurisprudenz und Politik (Nationalität)
3. Dritter Feldzug der absoluten Kritik
a) Selbstapologie der absoluten Kritik Ihre "politische" Vergangenheit
b) Die Judenfrage Nr. III
c) Kritische Schlacht gegen die französische Revolution
d) Kritische Schlacht gegen den französischen Materialismus
e) Schließliche Niederlage des Sozialismus
f) Der spekulative Kreislauf der absoluten Kritik und die Philosophie des Selbstbewußtseins
VII. Kapitel
Die Korrespondenz der kritischen Kritik
1. Die kritische Masse Où peut-on être mieux Qu'au sein de sa famille? Wo wäre man besser aufgehoben als im Schoße seiner Familie? Die kritische Kritik in ihrem absoluten Dasein als Herr Bruno hat die Menschheit in Masse, die ganze Menschheit, die nicht kritische Kritik ist, für ihren Gegensatz erklärt, für ihren wesentlichen Gegenstand, wesentlich, weil die Masse ad majorem gloriam die <zum höheren Ruhme Gottes>, der Kritik, des Geistes, vorhanden, Gegenstand, weil sie die bloße Materie der kritischen Kritik ist. Die kritische Kritik hat ihr Verhältnis zur Masse als das welthistorische Verhältnis der Gegenwart proklamiert. Man bildet indessen noch keinen welthistorischen Gegensatz durch die Erklärung, sich im Gegensatz zu der ganzen Welt zu befinden. Man kann sich einbilden, der Stein des allgemeinen Anstoßes zu sein, weil man aus Ungeschick allgemein anstößt. Zu einem welthistorischen Gegensatz gehört nicht nur, daß ich die Weit für meinen Gegensatz erkläre, sondern daß anderseits die Welt mich für ihren wesentlichen Gegensatz erklärt, als solchen behandelt und anerkennt Diese Anerkennung verschafft sich die kritische Kritik durch die Korrespondenz, welche den Beruf hat, das kritische Erlöseramt wie das allgemeine Ärgernis der Welt an dem kritischen Evangelium vor der Welt zu bezeugen. Die kritische Kritik ist sich selbst Gegenstand als Gegenstand der Welt. Die Korrespondenz soll sie als solchen zeigen, als gegenwärtiges Weltinteresse. Die kritische Kritik gilt sich als absolutes Subjekt. Das absolute Subjekt bedarf des Kultus. Zum wirklichen Kultus gehören dritte gläubige Indivi duen. Die heilige Familie zu Charlottenburg empfängt daher den gebührenden Kultus von ihren Korrespondenten. Die Korrespondenten sagen ihr, was sie ist und was ihr Gegner, die Masse, nicht ist. Indem auf diese Weise die Meinung der Kritik von sich selbst als Meinung der Welt dargestellt, indem ihr Begriff verwirklicht wird, verfällt sie allerdings der Inkonsequenz. Innerhalb ihrer selbst zeigt sich eine Art von Massenbildung, nämlich die Bildung einer kritischen Masse, welche den einsilbigen Beruf hat, das unermüdliche Echo der kritischen Stichwörter zu sein. Der Konsequenz wegen ist diese Inkonsequenz verzeihlich. Die kritische Kritik, die nicht in der sündigen Welt zu Hause ist, muß in ihrem eignen Hause eine sündige Welt etablieren. Der Korrespondent der kritischen Kritik, das Glied der kritischen Masse, wandelt nicht auf Rosen. Sein Weg ist ein schwieriger, dornenvoller, ein kritischer Weg. Die kritische Kritik ist ein spiritualistischer Herr, reine Spontaneität, actus purus <reine Handlung>, intolerant gegen jede Einwirkung von außen. Der Korrespondent darf also nur ein Scheinsubjekt sein, nur zum Schein sich selbständig zur kritischen Kritik verhalten, nur scheinbar ihr etwas Neues und Eignes mitteilen wollen. In Wahrheit ist er ihr eignes Machwerk, das nur für en Augenblick vergegenständlichte und verselbständigte Vernehmen ihrer selbst. Die Korrespondenten verfehlen daher nicht, unaufhörlich zu versichern, daß kritische Kritik selbst weiß, einsieht, kennt, begreift, erfährt, was ihr in demselben Augenblick zum Schein mitgeteilt wird. So braucht z.B. Zerrleder die Wendungen: "Begreifen Sie es? Sie wissen. Sie wissen zum zweiten und dritten Mal. Sie werden nun genug gehört haben, um selbst einsehen zu können." So der Breslauer Korrespondent Fleischhammer: "Daß aber" etc., "wird ihnen so wenig wie mir ein Rätsel sein." Oder der Züricher Korrespondent Hirzel : "Sie werden wohl selbst erfahren." Der kritische Korrespondent respektiert so sorgsam das absolute Begreifen der kritischen Kritik, daß er ihr selbst da ein Begreifen zumutet, wo absolut nichts zu begreifen ist; z.B. Fleischhammer: "Sie werden mich vollständig (!) begreifen (!), wenn ich Ihnen sage, daß man kaum ausgehen kann, ohne jungen katholischen Geistlichen in ihren langen schwarzen Kutten und Mänteln zu begegnen." Ja, in ihrer Angst hören die Korrespondenten die kritische Kritik sagen, antworten, ausrufen, auslachen ! <l54> So z.B. Zerrleder : "Aber - sagen Sie; nun gut, so hören Sie." So Fleischhammer : "Doch, ich höre schon, was Sie sagen - ich meinte damit auch nur ." So Hirzel : "Edelmann, werden Sie ausrufen !" So ein Tübinger Korrespondent: " Lachen Sie mich nicht aus !" Die Korrespondenten gebrauchen daher auch die Wendung, daß sie der kritischen Kritik Tatsachen mitteilen und ihr die geistige Interpretation zumuten, ihr Prämissen liefern und ihr die Konklusion überlassen oder sich gar entschuldigen, ihr längst Bekanntes wiederzukäuen. So Zerrieder : "Es ist Ihrem Korrespondenten nur möglich, ein Bild, eine Schilderung der Tatsachen zu geben. Der Geist , der diese Dinge belebt, wird ja Ihnen gerade nicht unbekannt sein." Oder auch: "Nun werden Sie sich schon selber den Schluß ziehen." So Hirzel : "Daß jede Schöpfung aus dem Extrem ihres Gegensatzes hervorgegangen, mit diesem spekulativen Satze werde ich Sie nicht erst noch unterhalten dürfen." Oder auch die Erfahrungen des Korrespondenten sind bloß die Erfüllung und Bestätigung kritischer Prophezeiungen . So Fleischhammer : "Ihre Vorhersagung ist eingetroffen." So Zerrieder : "Die Tendenzen, welche ich Ihnen als in der Schweiz immer weiter um sich greifend geschildert habe, weit entfernt, unheilvoll zu sein, sind nur glückliche - nur eine Bestätigung Ihres schon oft ausgesprochenen Gedankens" etc. Die kritische Kritik fühlt sich zuweilen gedrungen, die Herablassung auszusprechen, die in ihrem Korrespondieren liege, und sie motiviert diese Herablassung dadurch, daß der Korrespondent irgend ein Pensum glücklich absolviert habe. So schreibt Herr Bruno dem Tübinger Korrespondenten: "Es ist wirklich eine Inkonsequenz von mir, daß ich auf deinen Brief antworte. - - Auf der andern Seite hast du wieder ... so Treffendes bemerkt, daß ich dir ... die erbetene Aufklärung nicht versagen kann ." Die kritische Kritik läßt sich aus der Provinz schreiben, worunter nicht die Provinz im politischen Sinne, die bekanntlich in Deutschland nirgendwo existiert, zu verstehen ist, sondern die kritische Provinz, deren Hauptstadt Berlin ist, Berlin, der Sitz der kritischen Patriarchen und der heiligen kritischen Familie, während in den Provinzen die kritische Masse haust. Die kritischen Provinzialen wagen nur unter Bücklingen und Entschuldigungen die Aufmerksamkeit der höchsten kritischen Stelle in Anspruch zu nehmen. So schreibt ein Anonymus an Herrn Edgar, der als Mitglied der heiligen Familie ebenfalls ein vornehmer Herr ist: "Geehrter Herr! Darin, daß die Jugend sich gern bei gemeinschaftlichen Bestrebungen zusammenschließt (unsere beiderseitige Altersverschiedenheit beruht nur auf zwei Jahren), wollen Sie die Entschuldigung für diese Zeilen finden." Dieser Altersgenosse des Herrn Edgar bezeichnet sich nebenbei als das Wesen der neuesten Philosophie. Ist es nicht in der Ordnung, daß die Kritik mit dem Wesen der Philosophie in Korrespondenz steht? Wenn der Altersgenosse des Herrn Edgar versichert, daß er seine Zähne schon verloren habe, so ist das nur eine Anspielung auf sein allegorisches Wesen. Dies "Wesen der neuesten Philosophie" hat "von Feuerbach das Moment der Bildung in die objektive Anschauung setzen gelernt". Es gibt sogleich eine Probe von seiner Bildung und Anschauung , indem es Herrn Edgar zugleich versichert, es habe eine "Totalitätsanschauung von seiner Novelle" - "Es leben feste Grundsätze!" - gewonnen, und zugleich offen gesteht, Herrn Edgars Absicht sei ihm durchaus nicht recht klar geworden, ja schließlich die Versicherung der gewonnenen Totalitätsanschauung durch die Frage paralysiert: "Oder habe ich Sie total mißverstanden?" Nach dieser Probe wird man es in der Ordnung finden, wenn das Wesen der neuesten Philosophie in bezug auf die Masse sich dahin äußert: " Wir müssen uns wenigstens einmal herablassen, den Zauberknoten untersuchen und lösen, der dem gemeinen Menschenverstand den Eingang in die unbeschränkte Denkflut nicht gestattet." Will man sich eine vollständige Anschauung von der kritischen Masse erwerben, so lese man Herrn Hirzels aus Zürich Korrespondenz. (Heft V.) Dieser Unglückliche memoriert mit wahrhaft rührender Gelehrigkeit und lobenswertem Gedächtnis die kritischen Stichworte. Herrn Brunos Lieblingsphrasen von den Schlachten, die er geliefert, von den Feldzügen, die er entworfen und geleitet habe, fehlen nicht. Namentlich aber erfüllt Herr Hirzel seinen Beruf als Glied der kritischen Masse, wenn er über die profane Masse und ihr Verhältnis zur kritischen Kritik eifert. Er spricht von der Masse, die an der Geschichte teilzuhaben meine, "von der reinen Masse", von der "reinen Kritik", von der "Reinheit dieses Gegensatzes" - "ein Gegensatz, so rein - wie ihn die Geschichte nie so rein gegeben habe" -, von dem "malkontenten Wesen", von der "vollendeten Leerheit, Verstimmung, Mutlosigkeit, Herzlosigkeit, Zaghaftigkeit, Wut, Erbitterung der Masse gegen die Kritik", von "der Masse, die nur dazu da sei, um die Kritik durch ihren Widerstand schärfer und wachsamer zu machen". Er spricht von der "Schöpfung aus dem Extrem des Gegensatzes" , von der Erhabenheit der Kritik über Haß und dergleichen profane Affekte. Auf diesen Reichtum an kritischen Stichworten beschränkt sich die ganze Lieferung des Herrn Hirzel an die "Literatur-Zeitung". Wie er der Masse ihre Zufriedenheit mit der bloßen "Gesinnung", dem "guten Willen", "der Phrase", dem "Glauben" etc. vorwirft, so begnügt er sich selbst als ein Glied der kritischen Masse mit Phrasen, mit Äußerungen seiner "kritischen Gesinnung", seines "kritischen Glaubens", seines "kritischen guten Wollens", und überläßt Herrn Bruno & Comp. das "Handeln, Arbeiten, Kämpfen" und die Werke". Trotz der fürchterlichen Schilderung, welche die Mitglieder der "kritischen Masse" von der welthistorischen Spannung der profanen Welt gegen die "kritisch e Kritik" entwerfen, ist wenigstens für den Ungläubigen noch nicht einmal der Tatbestand konstatiert, der Tatbestand dieser welthistorischen Spannung. Die dienstfertige und unkritische Wiederholung der kritischen "Einbildungen" und "Prätensionen" im Munde der Korrespondenten beweist nur, daß die fixen Ideen des Herrn auch die fixen Ideen des Dieners sind. Einer der kritischen Korrespondenten versucht zwar, aus Tatsachen zu beweisen. "Ihr seht", schreibt er der heiligen Familie, "daß die 'Literatur-Zeitung' ihren Zweck erfüllt, d.h. daß sie keinen Anklang findet. Anklang könnte sie nur finden, wenn sie mit der Gedankenlosigkeit mitklingelte, wenn Ihr mit dem Schellenspiel von Redensarten einer ganzen Janitscharenmusik gangbarer Kategorien stolz voranschrittet." Ein Schellenspiel von Redensarten einer ganzen Janitscharenmusik gangbarer Kategorien! Man sieht, der kritische Korrespondent bestrebt sich, in nicht "gangbaren" Redensarten einherzutraben. Seine Auslegung der Tatsache, daß die "Literatur-Zeitung" keinen Anklang findet, muß indes als rein apologetisch zurückgewiesen werden. Man könnte diese Tatsache vielmehr umgekehrt dahin auslegen, daß die kritische Kritik sich im Einklang mit der großen Masse, nämlich der großen Masse der Skribenten befindet, die keinen Anklang findet. Es genügt also nicht, daß die kritischen Korrespondenten die kritischen Redensarten zugleich als "Gebet" an die heilige Familie und zugleich als "Verfluchungsformel" gegen die Masse richten. Es bedarf unkritischer , massenhafter Korrespondenten, es bedarf wirklicher Abgeordneter der Masse an die kritische Kritik, um die wirkliche Spannung der Masse mit der Kritik zu beweisen. Die kritische Kritik räumt daher auch der unkritischen Masse eine Stelle ein. Sie läßt unbefangene Repräsentanten derselben mit sich korrespondieren , den Gegensatz zu sich als wichtig, als absolut anerkennen und den Angstschrei nach Erlösung aus dem Gegensatz erschallen. 2. Die "unkritische Masse" und die "kritische Kritik"
2. Die "unkritische Masse" und die "kritische Kritik"
2. Die "unkritische Masse" und die "kritische Kritik"
a) Die "verstockte Masse" und die "unbefriedigte Masse"
b) Die "weichherzige" und "erlösungsbedürftige" Masse
c) Der Gnadendurchbruch der Masse
3. Die unkritisch-kritische Masse oder die Kritik und die "Berliner Couleur"
VIII. Kapitel
Weltgang und Verklärung der "kritischen Kritik" oder "die kritische Kritik" als Rudolph, Fürst von Geroldstein
1. Kritische Verwandlung eines Metzgers in einen Hund oder der Chourineur
2. Enthüllung des Geheimnisses der kritischen Religion oder Fleur de Marie
a) Die spekulative "Marien-Blume"
b) Fleur de Marie
3. Enthüllung der Geheimnisse des Rechts
a) Der maître d'école oder die neue Straftheorie. Das enthüllte Geheimnis des Zellularsystems. Medizinische Geheimnisse
b) Belohnung und Strafe. Die doppelte Justiz, nebst Tabelle
c) Auflebung der Verwilderung innerhalb der Zivilisation und der Rechtslosigkeit im Staate
4. Das enthüllte Geheimnis des "Standpunktes"
5. Enthüllung des Geheimnisses von der Utilisierung der menschlichen Triebe oder Clémence d'Harville
6. Enthüllung des Geheimnisses der Emanzipation der Weiber oder Louise Morel Bei Gelegenheit der Verhaftung der Louise Morel stellt Rudolph Reflexionen an, die sich dahin resümieren: "Der Herr verdirbt oft die Magd, sei es durch Schrecken, Überraschung oder durch sonstige Benutzung der Gelegenheiten, welche die Natur des Dienstverhältnisses herbeiführt. Er stürzt sie in Unglück, Schmach, Verbrechen. Das Gesetz bleibt diesem Gegenstand fremd ... Der Verbrecher, der das Mädchen zum Kindermord faktisch gezwungen wird, wird nicht gestraft ." Rudolphs Reflexionen erstrecken sich nicht einmal so weit, das Dienstverhältnis selbst seiner allerdurchlauchtigsten Kritik zu unterwerfen. Als ein kleiner Herrscher ist er ein großer Gönner von Dienstverhältnissen. Noch weniger geht Rudolph dazu fort, die allgemeine Stellung des Weibes in der heutigen Gesellschaft als unmenschlich zu begreifen. Ganz seiner bisherigen Theorie getreu, vermißt er nichts als ein Gesetz, welches den Verführer straft und die Reue und Buße mit schrecklichen Züchtigungen verbindet. Rudolph hätte sich nur in der existierenden Gesetzgebung anderer Länder umzusehen. Die englische Gesetzgebung erfüllt alle seine Wünsche. Sie geht in ihrem Zartgefühl, das Blackstone rühmlich hervorhebt, so weit, auch den, der ein Freudenmädchen verführt, der Felonie für schuldig zu erklären. Herr Szeliga bläst Tusch: " Dies! - denkt! - Rudolph! - und nun haltet diese Gedanken gegen eure Phantasien von der Emanzipation des Weibes. Die Tat dieser Emanzipation ist aus ihnen fast mit Händen zu greifen, während ihr von Hause aus viel zu praktisch seid und daher mit euren bloßen Versuchen so vielfach verunglückt." Jedenfalls verdankt man Herrn Szeliga die Enthüllung des Geheimnisses, daß eine Tat fast mit Händen aus Gedanken gegriffen werden kann. Was seine drollige Vergleichung Rudolphs mit den Männern betrifft, welche die Emanzipation des Weibes gelehrt haben, so vergleiche man Rudolphs Gedanken etwa mit folgenden Phantasien Fouriers: "Ehebruch, Verführung macht den Verführern Ehre, ist guter Ton ... Aber, armes Mädchen! der Kindermord, welch ein Verbrechen! Wenn sie auf Ehre hält, muß sie die Spuren der Unehre auslöschen, und wenn sie den Vorurteilen der Welt ihr Kind aufopfert, so ist sie noch mehr geschändet und verfällt den Vorurteilen des Gesetzes ... Das ist der fehlerhafte Kreislauf, welchen aller zivilisierte Mechanismus beschreibt." "Die junge Tochter, ist sie nicht eine Ware, zum Verkauf ausgeboten für den ersten besten, der das exklusive Eigentum dieses Mädchens erhandeln will? ... De même qu'en grammaire deux négations valent une affirmation, l'on peut dire qu'en négoce conjugal deux prostitutions valent une vertu ." <Wie in der Grammatik zwei Verneinungen gleich einer Bejahung sind, so, kann man sagen, sind im Ehehandel zwei Prostitutionen gleich einer Tugend ." "Die Veränderung einer geschichtlichen Epoche läßt sich immer aus dem Verhältnis des Fortschritts der Frauen zur Freiheit bestimmen, weil hier im Verhältnis des Weibes zum Mann, des Schwachen zum Starken, der Sieg der menschlichen Natur über die Brutalität am evidentesten erscheint. Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation." "Die Erniedrigung des weiblichen Geschlechts ist ein wesentlicher Charakterzug der Zivilisation wie der Barbarei, nur mit dem Unterschied, daß die zivilisierte Ordnung jedes Laster, welches die Barbarei auf eine einfache Weise ausübt, zu einer zusammengesetzten, doppelsinnigen, zweideutigen, heuchlerischen Daseinsweise erhebt ... Keinen trifft die Strafe, das Weib in der Sklaverei zu erhalten, tiefer als den Mann selbst." (Fourier.) Dem Gedanken Rudolphs gegenüber ist es überflüssig, auf Fouriers meisterhafte Charakteristik der Ehe wie auf die Schriften der materialistischen Fraktion des französischen Kommunismus hinzuweisen. Der traurigste Abhub der sozialistischen Literatur, wie er bei dem Romanschreiber zu finden ist, enthüllt der kritischen Kritik immer noch unbekannte "Geheimnisse". 7. Enthüllung der nationalökonomischen Geheimnisse a) Theoretische Enthüllung der nationalökonomischen Geheimnisse Erste Enthüllung : Der Reichtum führt häufig zur Verschwendung, die Verschwendung zum Ruin. Zweite Enthüllung : Die eben beschriebnen Folgen des Reichtums entspringen aus einem Mangel an Unterweisung für die reiche Jugend. Dritte Enthüllung : Die Erbschaft und das Privateigentum sind und müssen unverletzlich und geheiligt sein. Vierte Enthüllung: Der Reiche schuldet moralisch den Arbeitern Rechenschaft von der Anwendung seines Vermögens. Ein großes Vermögen ist ein erbliches Depositum - ein Feudallehen -, klugen, festen, geschickten, großmütigen Händen anvertraut, die zugleich beauftragt sind, es fruchtbar zu machen und es so zu verwenden, daß alles, was das Glück hat, sich in dem Bereich der glänzenden und heilsamen Ausstrahlung des großen Vermögens zu befinden, befruchtet, belebt, verbessert wird. Fünfte Enthüllung: Der Staat hat der unerfahrnen reichen Jugend die Rudimente der individuellen Ökonomie zu geben. Er muß das Vermögen moralisieren. Sechste Enthüllung: Endlich muß der Staat auf die ungeheure Frage von der Organisation der Arbeit eingehen. Er muß das heilsame Beispiel von der Assoziation der Kapitalien und der Arbeit geben, und zwar von einer Assoziation, welche honett, intelligent, billig ist, welche das Wohlsein des Arbeiters sichert, ohne dem Vermögen des Reichen zu schaden, welche zwischen diesen zwei Klassen Bande der Zuneigung, der Erkenntlichkeit etabliert und dadurch für immer die Ruhe des Staats sichert. Da der Staat einstweilen noch nicht auf diese Theorie eingeht, so gibt Rudolph selbst einige praktische Exempel. Sie werden das Geheimnis enthüllen, daß Herrn Sue, Herrn Rudolph und der kritischen Kritik die allerbekantesten ökonomischen Verhältnisse "Mysterien" geblieben sind. b) "Die Armenbank" Rudolph errichtet eine Armenbank. Die Statuten dieser kritischen Armenbank sind folgende: Sie soll honette Arbeiter, welche Familie haben, während der arbeitslosen Zeit unterstützen. Sie soll die Almosen und die Pfandhäuser ersetzen. Sie verfügt über eine jährliche Revenue von 12 000 Francs und verteilt Hülfsanleihen von 20 bis 40 Francs ohne Interessen. Sie erstreckt ihre Wirksamkeit zunächst auf das siebte Arrondissement von Paris, wo die meisten Arbeiter wohnen. Die Arbeiter oder Arbeiterinnen, welche auf Unterstützung Anspruch machen, müssen Träger eines Zertifikats sein, welches von ihrem Patron ausgestellt ist, ihr gutes Betragen verbürgt und die Ursache wie das Datum der Unterbrechung ihrer Arbeit angibt. Diese Anleihen sind monatlich zurückzuzahlen, zum sechsten oder zum zwölften Teil je nach der Wahl des Leihers, von dem Tag an, wo er wieder Beschäftigung gefunden hat. Als Garantie der Anleihe gilt die Verpflichtung auf Ehrenwort. Zwei andre Arbeiter müssen überdem Bürgschaft leisten für die parole jurée <das gegebene Wort> des Leihers. Da der kritische Zweck der Armenbank darin besteht, einen der schwersten Unfälle des Arbeiterlebens, die Unterbrechung der Arbeit , zu heilen, würden die Hülfsleistungen durchaus nur den arbeitslosen Handwerkern zukommen. Herr Germain, der dies Institut verwaltet, bezieht ein jährliches Gehalt von 10 000 Francs. Werfen wir nun einen massenhaften Blick auf die Praxis der kritischen Nationalökonomie. Die jährliche Revenue beträgt 12 000 Francs. Die Unterstützungen belaufen sich für jede Person auf 20 bis 40, also im Durchschnitt auf 30 Francs. Die Anzahl der offiziell als "elend" anerkannten Arbeiter des siebenten Arrondissements beläuft sich wenigstens auf 4 000. Es können also jährlich 400, d.h. der zehnte Teil der allerhülfsbedürftigsten Arbeiter des siebenten Arrondissements unterstützt werden. In Paris ist es wenig, wenn wir die Durchschnittszahl der arbeitslosen Zeit auf vier Monate (viel zu gering taxiert), also auf 16 Wochen reduzieren. 30 Francs, auf 16 Wochen verteilt, sind auf die Woche etwas weniger als 37 Sous und 3 Centimes, macht auf den Tag noch nicht 27 Cts. Die tägliche Ausgabe für einen einzelnen Gefangnen beträgt in Frankreich durchschnittlich etwas mehr als 47 Cts., wovon die 2 Speisung allein etwas über 30 Cts. wegnimmt. Der Arbeiter, den Herr Rudolph unterstützt, besitzt aber Familie. Schätzen wir die Familie im Durchschnitt außer Mann und Frau auf nur zwei Kinder, so bleiben 27 Cts. unter vier Personen zu verteilen. Hiervon geht die Wohnung - das Minimum auf den Tag 15 Cts. - ab, bleiben 12 Cts. Das Brot, welches ein einzelner Gefangener im Durchschnitt verzehrt, kostet ungefähr 14 Cts. Der Arbeiter samt Familie wird also, abgesehn von allen andern Bedürfnissen, mit der Unterstützung der kritischen Armenbank noch nicht den vierten Teil des nötigen Brots kaufen können und einem gewissen Hungertod anheimfallen, wenn er nicht zu den Mitteln, denen diese Armenbank vorbeugen will, zu dem Pfandhaus, dem Bettel, dem Diebstahl und der Prostitution seine Zuflucht nimmt. Um so glänzender bedenkt der Mann der rücksichtslosen Kritik dagegen den Verwalter der Armenbank. Die verwaltete Revenue beträgt 12 000, das Gehalt des Verwalters 10 000 Frcs. Die Verwaltung kostet also 45 Prozent, beinahe das Dreifache der massenhaften Armenverwaltung in Paris, welche ungefähr 17 Prozent kostet. Nehmen wir aber einen Augenblick an, die Unterstützung, welche die Armenbank gewährt, sei eine wirkliche und nicht bloß illusorische Unterstützung, so beruht die Einrichtung des enthüllten Geheimnisses aller Geheimnisse auf dem Wahn, daß es nur einer andern Distribution des Salärs bedürfe, damit der Arbeiter das ganze Jahr hindurch leben könne. Im prosaischen Sinne zu sprechen, beträgt das Einkommen von 7 500 000 französischen Arbeitern auf den Kopf nur 91 Frcs., das Einkommen von andern 7 500 000 französischen Arbeitern auf den Kopf nur 120 Frcs., also schon von 15 000 000 Arbeitern weniger, als absolut zum Leben nötig ist. Der Gedanke der kritischen Armenbank reduziert sich darauf - wenn er anders vernünftig gefaßt wird -, daß dem Arbeiter während der Zeit, wo er Beschäftigung hat, soviel vom Salär abgezogen wird, als er braucht, um in der arbeitslosen Zeit zu leben. Ob ich ihm eine bestimmte Summa Geldes in der arbeitslosen Zeit vorstrecke und er mir diese Summe in der Arbeitszeit zurückgibt, oder ob er mir in der Arbeitszeit eine bestimmte Summe abgibt und ich sie ihm in der arbeitslosen Zeit zurückgebe, ist ein und dasselbe. Er gibt mir immer das in seiner Arbeitszeit, was er von mir in seiner arbeitslosen Zeit erhält. Die "reine" Armenbank unterschiede sich also von den massenhaften Sparkassen nur durch zwei sehr originelle, sehr kritische Eigenschaften, einmal, daß die Bank ihr Geld à fonds perdu < auf Nimmerwiedersehen > ausleiht, in der törichten Voraussetzung, daß der Arbeiter zurückzahlen könne, wenn er wolle, und daß er immer zurückzahlen wolle, wenn er könne; dann aber dadurch, daß die Bank keine Zinsen für die vom Arbeiter hinterlegten Summen zahlt. Weil die hinterlegte Summe in der Form des Vorschusses erscheint, tut die Bank schon ein Großes, wenn sie selbst keine Zinsen vom Arbeiter nimmt. Die kritische Armenbank unterscheidet sich also dadurch von den massenhaften Sparkassen, daß der Arbeiter seine Zinsen und die Bank ihr Kapital verliert. c) Musterwirtschaft zu Bouqueval Rudolph stiftet eine Musterwirtschaft zu Bouqueval . Der Ort ist um so glücklicher gewählt, als er noch feudaler Erinnerungen sich erfreut - nämlich eines château seigneurial <herrschaftlichen Schlosses>. Jeder der sechs männlichen Arbeiter, welche diese Pächterei beschäftigt, hält 150 écus oder 450 Frcs., jede der weiblichen Arbeiterinnen 60 écus oder 80 Frcs. jährlichen Arbeitslohn. Sie haben außerdem freies Essen und freie Wohnung. Das gewöhnliche alltägliche Essen der Leute von Bouqueval besteht aus einer "formidablen" Platte Schinken, aus einer nicht minder furchtbaren Platte Hammelfleisch und endlich aus einem nicht minder massenhaften Stück Kalbfleisch, wozu als Nebengerichte zwei Wintersalate, zwei große Käse, Erdäpfel, Zider etc. hinzukommt. Jeder der sechs männlichen Arbeiter arbeitet zweimal mehr als der gewöhnliche französische Ackerbautaglöhner. Da die ganze Summe des jährlich von Frankreich produzierten Einkommens bei gleicher Teilung im Durchschnitt nur 93 Frcs. betrüge, da die unmittelbar mit Landbau beschäftigte Einwohnerzahl Frankreichs 2/3 der Gesamtbevölkerung beträgt, so kann man schließen, welche Revolution nicht nur in der Verteilung, sondern auch in der Produktion des Nationalreichtums die allgemeine Nachahmung der Musterwirtschaft des deutschen Kalifen hervorbringen würde. Demnach hat Rudolph diese ungeheure Vergrößerung der Produktion nur dadurch erreicht, daß er jeden Arbeiter zweimal soviel wie bisher arbeiten und sechsmal soviel verzehren läßt, Da der französische Bauer sehr fleißig ist, so müssen Arbeiter, die zweimal soviel arbeiten, übermenschliche Athleten sein, worauf auch die "formidablen" Fleisch-Schüsseln hindeuten sollen. Wir können also annehmen, daß jeder dieser sechs Arbeiter täglich wenigstens ein Pfund Fleisch verzehrt. Wenn alles in Frankreich produzierte Fleisch gleich verteilt würde, so käme auf den Kopf täglich noch nicht 1/4 Pfund Fleisch. Man sieht also, welche Revolution auch in dieser Hinsicht das Beispiel Rudolphs hervorrufen würde. Die Landbaubevölkerung würde allein mehr Fleisch verzehren, als in Frankreich produziert wird, so daß Frankreich durch diese kritische Reform aller Viehzucht überhoben würde. Der fünfte Teil des Bruttoertrags, welchen Rudolph, nach dem Berichte des Verwalters von Bouqueval, des Vaters Chatelain, außer dem hohen Salär und der luxuriösen Beköstigung den Arbeitern zukommen läßt, ist nichts anderes als seine Grundrente . Man nimmt nämlich nach einer Durchschnittsberechnung an, daß im allgemeinen, nach Abzug aller Produktionskosten und des Gewinns für das Betriebskapital, ein Fünfteil des Bruttoertrags für den französischen Grundeigentümer übrigbleibt oder daß seine Rentenquote sich auf den fünften Teil des Bruttoertrags beläuft. Obgleich nun Rudolph den Gewinn seines Betriebskapitals unstreitig unverhältnismäßig verringert, in dem er die Ausgabe für die Arbeiter unverhältnismäßig steigert - nach Chaptal ("De l'industrie française", I, 239) ist der Durchschnittspreis der jährlichen Einnahmen der französischen Lohnbauern 120 Frcs. -, obgleich er seine ganze Grundrente den Arbeitern schenkt, berichtet dennoch Vater Chatelain, daß Monseigneur bei dieser Methode sein Einkommen steigere und dergestalt die andern unkritischen Grundeigentümer zu einer ähnlichen Wirtschaft anfeure. Die Musterwirtschaft von Bouqueval ist ein bloßer phantastischer Schein; ihr verborgener Fonds ist nicht der natürliche Grund und Boden von Bouqueval, sondern der märchenhafte Fortunatussäckel Rudolphs! Die kritische Kritik lärmt: "Man sieht es dem ganzen Plan auf den ersten Blick an, daß er kein Utopien ist." Nur die kritische Kritik kann es einem Fortunatussäckel auf den ersten Blick ansehen, daß er kein Utopien ist. Der kritische erste Blick ist - der "böse Blick"! 8. Rudolph, "das enthüllte Geheimnis aller Geheimnisse" Das Wundermittel, womit Rudolph alle seine Erlösungen und Wunderkuren bewirkt, sind nicht seine schönen Worte, sondern sein bares Geld. So sind die Moralisten, sagt Fourier. Man muß ein Millionär sein, um es ihren Helden nachmachen zu können. Die Moral ist die "Impuissance mise en action" < "in Aktion gesetzte Machtlosigkeit" >. So oft sie ein Laster bekämpft, unterliegt sie. Und Rudolph erhebt sich nicht mal auf den Standpunkt der selbständigen Moral, welche wenigstens auf dem Bewußtsein der Menschenwürde beruht. Seine Moral beruht dagegen auf dem Bewußtsein der menschlichen Schwäche. Er ist die theologische Moral. Wir haben die Heldentaten, die er mit seinen fixen, christlichen Ideen, an denen er die Welt mißt, mit der "charité", dem "dévouement", der "abnégation", dem "repentir", den "bons" und den "méchants", der "récompense" und der "punition", den "châtiments terribles", dem "isolement", dem "salut de l'âme" <"Wohltätigkeit", "Aufopferung", "Entsagung", "Reue", "Guten", "Bösen", "Belohnung", "Bestrafung", "schrecklichen Züchtigungen", "Isolierung", "Seelenheil"> etc. vollbringt, bis ins Detail verfolgt und als Eulenspiegeleien nachgewiesen. Wir haben es nur noch mit dem persönlichen Charakter Rudolphs, dem "enthüllten Geheimnis aller Geheimnisse" oder dem enthüllten Geheimnis der "reinen Kritik" zu tun. Der Gegensatz des "Guten" und des "Bösen" tritt dem kritischen Herkules schon als Jüngling in zwei Personifikationen gegenüber; Murph und Polidori beide Lehrer Rudolphs. Der erste erzieht ihn zum Guten und ist "der Gute ". Der zweite erzieht ihn zum Bösen und ist "der Böse ". Damit diese Auffassung durchaus nichts an Trivialität ähnlichen Auffassungen in andern moralischen Romanen nachgehe, darf "der Gute", Murph, nicht "savant" <"gelehrt"> nicht "besonders geistig bevorzugt" sein. Dagegen ist er ehrlich, einfach, einsilbig, weiß mit den Silben schändlich, niederträchtig gegen das Böse sich groß und hat einen horreur vor dem Niedrigen. Er setzt, um mit Hegel zu reden, ehrlicherweise die Melodie des Guten und Wahren in die Gleichheit der Töne, d.h. in eine Eine Note. Polidori dagegen ist ein Wunder an Klugheit, Kenntnissen und Bildung, dabei von der "gefährlichsten Immoralität", und namentlich besitzt er, was Eugen Sue als ein Glied der jungen frommen Bourgeoisie Frankreichs nicht essen durfte: "le plus effrayant scepticisme" < "den fürchterlichsten Skeptizismus" >. Eugen Sues und seines Helden Geistesenergie und Bildung mag man aus dem panischen Schrecken vor dem Skeptizismus beurteilen. "Murph", sagt Herr Szeliga, "ist zugleich die verewigte Schuld des dreizehnten Januar und die ewige Tilgung dieser Schuld durch unvergleichliche Liebe und Aufopferung für die Person Rudolphs." Wie Rudolph der deus ex machina < wörtlich: Gott aus der Maschine (im antiken Theater eine durch Maschinerie auf die Szene gebrachte Göttererscheinung, die in die dramatische Verwicklung eingriff und sie löste): im übertragenen Sinne: das unerwartete Auftreten einer Person, die die Situation rettet> und der Mittler der Welt, so ist Murph wieder der persönliche deus ex machina und der Mittler Rudolphs. "Rudolph und das Heil der Menschheit, Rudolph und die Verwirklichung der Wesensvollkommenheiten des Menschen ist für Murph eine untrennbare Einheit, eine Einheit, der er sich nicht mit der dummen hündischen Ergebenheit des Sklaven hingibt, sondern wissend und selbständig." Murph ist also ein aufgeklärter, wissender und selbständiger Sklave. Er personifiziert, wie jeder Fürstendiener, seinen Herrn mit dem Heil der Menschheit. Graun schmeichelt dem Murph mit der Anrede "intrepide garde du corps" < "unerschrockener Leibwächter" >. Rudolph selbst nennt ihn den modele d'un valet < Muster eines Bedienten >, und er ist wirklich ein musterhafter Bedienter . Er war sehr pünktlich darin, wie Engen Sue berichtet, den Rudolph im tête-à-tête mit Monseigneur anzureden. Bei andern nennt er ihn des Inkognito wegen mit den Lippen Monsieur , aber mit dem Herzen Monseigneur. "Murph hebt mit den Schleier von den Geheimnissen, aber nur um Rudolphs willen. Er hilft an der Arbeit, die Macht der Geheimnisse zu zerstören." Die Dichtigkeit des Schleiers, der dem Murph die einfachsten Weltzustände verhüllt, mag man aus seiner Unterhaltung mit dem Gesandten Graun beurteilen Aus der gesetzlichen Befugnis der Selbstverteidigung im Notfall schließt er darauf, daß Rudolph den gefesselten und "wehrlosen" maître d'école als Femerichter habe blenden dürfen. Seine Schilderei, wie Rudolph vor den Assisen seine "edeln" Handlungen erzählen, schönrednerische Phrasen auskramen und sein großes Herz strömen lassen werde, ist eines Gymnasiasten würdig, der soeben Schillers "Räuber" gelesen hat. Das einzige Geheimnis, welches Murph der Welt zu lösen gibt, ist die Frage, ob er mit Kohlenstaub oder mit schwarzer Farbe sein Gesicht eingerußt hat, als er den charbonnier <Kohlenträger> spielte. "Die Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden." (Matth[äus] 13, 49.) "Trübsal und Angst übereile Seelen der Menschen, die da Böses tun; Preis aber und Ehre und Frieden all denen, die Gutes tun." (Paul[us] Röm[er] 2, 9 - 10.) Rudolph macht sich selbst zu einem solchen Engel. Er zieht in die Welt aus, die Bösen von den Gerechten zu scheiden, die Bösen zu bestrafen, die Guten zu belohnen. Die Vorstellung des Bösen und Guten hat sich seinem schwachen Gehirn so sehr eingeprägt, daß er an den leibhaften Satan glaubt und den Teufel lebendig einfangen will, wie weiland Prof. Sack zu Bonn. Andrerseits versucht er dagegen, den Gegensatz des Teufels, Gott, im kleinen zu kopieren. Er liebt es "de jouer un peu le rôle de la providence" <"ein wenig die Rolle der Vorsehung zu spielen">. Wie in der Wirklichkeit alle Unterschiede immer mehr in den Unterschied von arm und reich zusammenschmelzen, so lösen sich in der Idee alle aristokratischen Unterschiede in den Gegensatz des Guten und des Bösen auf. Diese Unterscheidung ist die letzte Form, welche der Aristokrat seinen Vorurteilen erteilt. Rudolph selbst gilt sich als ein Guter, und die Bösen sind dazu da, ihm den Selbstgenuß seiner eignen Vortrefflichkeit zu gewähren. Betrachten wir "den Guten" etwas näher. Herr Rudolph übt eine Wohltätigkeit und eine Verschwendung aus, wie etwa der Kalif von Bagdad in Tausend und eine Nacht. Er kann diese Lebensweise unmöglich führen, ohne sein kleines deutsches Ländchen wie ein Vampir bis auf den letzten Tropfen auszusaugen. Nach Herrn Sues eignem Bericht würde er unter die mediatisierten deutschen Fürsten gehören, hätte ihn nicht die Protektion eines französischen Marquis vor der unfreiwilligen Abdankung gerettet. Die Größe seines Landes ist nach dieser Angabe zu taxieren. Wie kritisch Rudolph seine eignen Verhältnisse beurteilt, mag man ferner daraus ersehen, daß er, der kleine deutsche Serenissimus, in Paris ein halbes Inkognito bewahren zu müssen glaubt, um kein Aufsehen zu erregen. Er führt eigens einen Kanzler aus dem kritischen Grunde mit sich, damit er ihm "le côté théatral et puéril du pouvoir souverain" <"die theatralische und kindische Seite der souveränen Mach"> darstelle; als habe ein kleiner Serenissimus außer sich und seinem Spiegel noch einen dritten Repräsentanten der theatralischen und kindischen Seite der souveränen Macht nötig. Rudolph hat seine Leute in dieselbe kritische Selbstverkennung zu versetzen gewußt. So merken der Bediente Murph und der Gesandte Graun nicht, wie der Pariser homme d'affaires <"Haushofmeister">, Monsieur Badinot, sie persifliert, wenn er sich den Schein gibt, als halte er ihre Privataufträge für Staatsangelegenheiten, wenn er sarkastisch plaudert über die "rapports occultes qui peuvent exister entre les intérêts le plus divers et les destinés des empires" <"geheimnisvolle Verbindung, die zwischen den verschiedensten Interessen und den Geschicken der Staaten bestehen könne">. "Ja", berichtet der Gesandte Rudolphs, "er hat die Unverschämtheit, mir manchmal zu sagen: 'Wieviel dem Volk unbekannte Komplikationen in der Regierung eines Staates! Wer würde sagen, daß die Noten, die ich Ihnen, Herr Baron, mitteile, zweifelsohne ihren Teil von Einfluß auf den Gang der europäischen Angelegenheiten haben?'" Der Gesandte und Murph finden nicht darin die Unverschämtheit, daß man ihnen einen Einfluß auf die europäischen Angelegenheiten zumutet, sondern daß Badinot seinen niedrigen Beruf dergestalt idealisiert. Rufen wir uns zunächst eine Szene aus Rudolphs häuslichem Leben ins Gedächtnis. Rudolph erzählt dem Murph, "er sei in den Augenblicken seines Stolzes und seiner Glückseligkeit". Gleich darauf gerät er außer sich, weil Murph ihm auf eine Frage nicht antworten will. "Je vous ordonne de parler." <"Ich befehle Ihnen zu sprechen"> Murph will sich nicht befehlen lassen, Rudolph sagt ihm: "Je n'aime pas les rétiences." <"Ich liebe das Verschweigen nicht"> Er vergißt sich bis zu der Gemeinheit, dem Murph anzudeuten, daß er ihm alle seine Dienste bezahle . Der Knabe ist nicht eher zu beruhigen, bis Murph ihn an den dreizehnten Januar erinnert. Nachträglich macht sich die Knechtsnatur Murphs, die sich einen Augenblick vergessen hatte, geltend. Er reißt sich die "Haare" aus, die er glücklicherweise nicht besitzt, er verzweifelt darüber, den hohen Herrn, der ihn "das Muster von einem Bedienten", der ihn "seinen guten, seinen alten, seinen getreuen Murph" nennt, etwas rauh angelassen zu haben. Nach diesen Proben des Schlechten in ihm wiederholt Rudolph seine fixen Ideen über das "Gute" und das "Schlechte" und berichtet über die Fortschritte, die er im Guten macht. Er nennt Almosen und Mitleid die keuschen und frommen Trösterinnen seiner verwundeten Seele. Sie an verworfene, unwürdige Wesen prostituieren, das wäre entsetzlich, unfromm, ein Sakrilegium. Versteht sich, Mitleid und Almosen sind Trösterinnen seiner Seele. Sie entweihen wäre daher ein Sakrilegium. Es wäre "Zweifel einflößen an Gott, und der, welcher gibt, muß an ihn glauben machen". Einem Verworfenen ein Almosen geben - der Gedanke ist nicht auszudenken! Jede seiner Seelenbewegungen ist für Rudolph von unendlicher Wichtigkeit. Er taxiert und beobachtet sie daher beständig. So tröstet sich der Tor hier gegen Murph, daß Fleur de Marie ihn gerührt habe. "Ich war bewegt bis zu Tränen, und man klagt mich an, blasiert, hart, unbeugsam zu sein!" Nachdem er dergestalt seine eigne Güte bewiesen hat, exaltiert er sich über das "Schlechte", über die Schlechtigkeit der unbekannten Mutter der Marie, und mit aller möglichen Feierlichkeit wendet er sich zu Murph: "Tu le sais - certaines vengeances me sont bien chères, certaines souffrances bien précieuses." <"Du weißt es - manche Rache ist für mich sehr süß, mancher Schmerz gibt mir Wonne."> Dabei schneidet er so diabolische Fratzen, daß der getreuliche Bediente erschrocken ausruft: "Hélas, Monseigneur" <"Ach, gnädiger Herr"> Dieser große Herr ähnelt den Gliedern des Jungen Englands , die auch die Welt reformieren wollen, edle Handlungen begehen und ähnlichen hysterischen Zufällen unterworfen sind. Den Aufschluß zu den Abenteuern und Situationen, denen sich Rudolph aussetzt, finden wir zunächst in seinem abenteuerlichen Naturell. Er liebt "das Pikante des Romans, Zerstreuung, Abenteuer, Verkleidung", seine "Neugierde" ist "unersättlich", er empfindet das "Bedürfnis lebhafter, stechender Gemütsaufregung", er ist "begierig nach gewaltsamen Nervenerschütterungen ". Dieses sein Naturell wird unterstützt durch die Sucht, die Vorsehung zu spielen und die Welt nach seinen fixen Einbildungen einzurichten. Sein Verhältnis zu dritten Personen ist entweder durch eine abstrakte fixe Idee vermittelt oder durch ganz persönliche, zufällige Motive. So befreit er den Negerarzt David und seine Geliebte nicht aus der unmittelbar menschlichen Teilnahme, welche diese Personen einflößen, nicht um sie selbst zu befreien, sondern um dem Sklaveneigentümer Willis gegenüber die Vorsehung zu spielen und seinen Unglauben an Gott zu züchtigen. So erscheint ihm der maître d'école als ein gefundnes Fressen, um seine längst ausgeheckte Straftheorie anzuwenden. Die Unterhaltung Murphs mit dem Gesandten Graun läßt uns von der andern Seite tiefe Blicke in die rein persönlichen Motive tun, welche Rudolphs edle Handlungen bestimmen. Das Interesse des Monseigneur an Fleur de Marie rührt, wie Murph sagt, "à part" <"abgerechnet"> das Mitleid, welches die Arme einflößt, daher, weil die Tochter, deren Verlust er so bitter empfindet, gegenwärtig dasselbe Alter haben würde. Der Anteil Rudolphs an der Marquise von Harville hat, "à part" seine menschenfreundlichen Marotten, den persönlichen Grund, daß ohne den alten Marquis von Harville und dessen Freundschaft mit dem Kaiser Alexander Rudolphs Vater aus der Reihe der deutschen Souveräne eliminiert worden wäre. Seine Wohltätigkeit gegen Madame George und sein Interesse für Germain, ihren Sohn, hat denselben Grund. Madame George gehört der Familie Harville an. "C'est non moins à ses malheurs et à ses vertus qu'à cette parenté que la pauvre Madame George a dû les incessantes bontés de son Altesse." <"Deshalb empfing die arme Madame George nicht bloß wegen ihres Unglücks und ihrer Tugend, sondern auch wegen dieser Verwandtschaft so viele Wohltaten von Seiner Hoheit."> Der Apologet Murph versucht die Doppelsinnigkeit von Rudolphs Motiven durch Wendungen wie "surtout, à part, non moins que" <"besonders, abgerechnet, nicht weniger als"> zu vertuschen. Rudolphs ganzer Charakter faßt sich endlich zusammen in der "reinen" Heuchelei , womit er die Ausbrüche seiner schlechten Leidenschaften als Ausbrüche gegen die Leidenschaften der Schlechten vor sich selbst und andern darzustellen weiß, in ähnlicher Weise, wie die kritische Kritik ihre eignen Dummheiten als Dummheiten der Masse , ihre gehässigen Rankünen gegen die Entwickelung der Welt außer ihr als Rankünen der Welt außer ihr gegen die Entwickelung, endlich ihren Egoismus, der allen Geist in sich verschluckt zu haben meint, als egoistischen Widerspruch der Masse gegen den Geist darstellt. Wir werden die "reine" Heuchelei Rudolphs in seinem Verhalten zum maître d'école , zur Gräfin Sarah Mac Gregor und zum Notar Jacques Ferrand beweisen. Rudolph hat den maître d'école zu einem Einbruch in seine Wohnung überredet, um ihn in die Falle zu locken und seiner habhaft zu werden. Er hat hierbei ein rein persönliches, kein allgemein menschliches Interesse. Der maître d'école ist nämlich im Besitz des Portefeuilles der Gräfin Mac Gregor , und Rudolph hat ein großes Interesse, sich dieses Portefeuilles zu bemächtigen. Bei Gelegenheit des tête-à-tête mit dem maître d'école heißt es ausdrücklich: "Rodolphe se trouvait dans une anxiété cruelle; s'il laissait échapper cette occasion de s'emparer du maître d'école , il ne la retrouverait sans doute jamais; ce brigand emporterai les secrets que Rodolphe avait tant d'intérêt à savoir." <"Rudolph befand sich in der äußersten Verlegenheit. Wenn er sich diese Gelegenheit entgehen ließ, sich des Schulmeisters zu bemächtigen, so bot sich vielleicht nie wieder eine andre dar. Der Räuber ... würde dann die Geheimnisse mit sich genommen haben, an denen Rudolph so viel lag."> Rudolph bemächtigt sich also im maître d'école des Portefeuilles der Gräfin Mac Gregor; er bemächtigt sich des maître d'école aus persönlichem Interesse; er blendet ihn aus persönlicher Leidenschaft. Als Chourineur dem Rudolph den Kampf des maître d'école mit Murph erzählt und sein Sträuben damit motiviert, daß er wußte, was ihm bevorstehe, antwortet Rudolph: "Er wußte es nicht", und er sagt dies "d'un air sombre, les traits contractés par cette expression presque féroce, dont nous avons parlé" <"mit finsterer Miene, die Züge verzerrt durch den harten, fast wilden Ausdruck, von dem wir bereits gesprochen haben">. Der Gedanke der Rache fährt ihm durch den Kopf, er antizipiert den wilden Genuß, den ihm die barbarische Bestrafung des maître d'école bereiten wird. So ruft auch Rudolph beim Eintreten des Negerarztes David, den er zum Werkzeug seiner Rache bestimmt hat: "'Vengeance ! ... Vengeance!' s'écria Rodolphe avec une fureur froide et concentrée ." < "'Rache! Rache!' rief Rudolph mit kaltblütiger, heftiger Wut." > Eine kalte und konzentrierte Wut arbeitete in ihm. Dann murmelt er seinen Plan dem Arzt leise ins Ohr, und als dieser zurückbebt, weiß er sogleich der persönlichen Rache ein "reines" theoretisches Motiv unterzuschieben. Es handle sich, sagt er, nur um die "Anwendung einer Idee", die ihm schon oft durch sein erhabenes Gehirn gefahren sei, und er vergißt nicht, salbungsvoll hinzuzusetzen: "Er wird noch den unbegrenzten Horizont der Reue vor sich haben." Er ahmt die spanische Inquisition nach, welche, nach der Verweisung der zum Feuer Verurteilten an die weltliche Justiz, eine heuchlerische Bitte um Barmherzigkeit für den reuigen Sünder hinzufügte. Es versteht sich, daß der gnädige Herr, als das Verhör und die Exekution des maître d'école vor sich gehen sollen, in einem höchst komfortablen Kabinett, in einem langen, höchst schwarzen Schlafrock und in einer höchst interessanten Blässe dasitzt, und, um den Gerichtshof getreu zu kopieren, einen langen Tisch mit Überführungsstücken vor sich stehen hat. Er muß auch den Ausdruck der Wildheit und Rache, womit er dem Chourineur und dem Arzt den Plan der Blendung mitteilte, verlieren und in der hochkomischen, feierlichen Haltung eines Weltrichters aus eigner Erfindung, "ruhig, traurig, gefaßt" sich präsentieren. Um gar keinen Zweifel über das "reine" Motiv der Blendung übrigzulassen, gesteht der alberne Murph dem Gesandten Graun: "Die grausame Bestrafung des maître d'école bezweckte vorzugsweise, mich an dem Meuchelmörder zu rächen ." In einem tête-à-tête mit Murph äußert sich Rudolph dahin: "Ma haine des méchants ... est devenue plus vivace, mon aversion pour Sarah augmente en raison sans doute du chagrin que me cause la mort de ma fille." <"Mein Haß gegen die Schlechten ... ist starker geworden, und meine Abneigung gegen Sarah mehrt sich ohne Zweifel in dem Verhältnisse wie der Gram über den Tod meiner Tochter."> Rudolph unterrichtet uns von der größern Lebhaftigkeit, welche sein Haß gegen die Bösen gewonnen hat. Versteht sich, sein Haß ist ein kritischer, reiner, moralischer Haß, der Haß gegen die Bösen, weil sie böse sind. Er betrachtet diesen Haß daher als einen Fortschritt, den er selbst im Guten macht. Zugleich aber verrät er, daß dieses Wachstum des moralischen Hasses nichts anders ist als eine heuchlerische Sanktion , womit er die Zunahme seiner persönlichen Abneigung gegen Sarah beschönigt. Die unbestimmte moralische Einbildung - die Zunahme des Hasses gegen die Bösen ist nur die Schale der bestimmten unmoralischen Tatsache, der Zunahme der Abneigung gegen Sarah. Diese Abneigung hat einen sehr natürlichen, sehr individuellen Grund, einen persönlichen Kummer. Dieser Kummer ist das Maß seiner Abneigung. Sans doute! <Ohne Zweifel!> Eine noch widerlichere Heuchelei zeigt sich in Rudolphs Zusammenkunft mit der sterbenden Gräfin Mac Gregor. Nach der Enthüllung des Geheimnisses, daß Fleur de Marie die Tochter Rudolphs und der Gräfin ist, nähert sich ihr Rudolph, "l'air menaçant, impitoyable" <"mit drohender, unbarmherziger Miene">. Sie bittet ihn um Gnade. "Pas de grâce", antwortet er, "malédiction sur vous ... vous ... mon mauvais génie et celui de ma race". <"Keine Gnade ... Fluch über Sie, denn Sie waren mein und meiner Familie böser Geist."> Also die "race" will er rächen. Er berichtet der Gräfin nun weiter, wie er, zur Buße für den Mordanfall auf seinen Vater, den Weltgang, worin er die Guten belohnt und die Bösen bestraft, sich auferlegt habe. Rudolph peinigt die Gräfin, er überläßt sich seiner Gereiztheit, er vollzieht aber in seinen eigenen Augen nur die Aufgabe, die er sich nach dem dreizehnten Januar gestellt hat, de "poursuivre le mal" <"das Böse zu verfolgen">. Als er fortgeht, ruft Sarah: "'Pitié je meurs!' 'Mourez donc, maudite!' dit Rodolphe effrayant de fureur.'" <"'Erbarmen! Ich sterbe!' 'So sterben Sie beladen mit meinem Fluche!'"> In den letzten Worten "effrayant de fureur" sind die reinen, kritischen und moralischen Motive seiner Handlungsweise verraten. Ebendiese Wut hat ihn das Schwert gegen seinen, wie Herr Szeliga ihn nennt, Hochseligen Vater zücken lassen. Statt dieses Böse in sich selbst zu bekämpfen, bekämpft er es als reiner Kritiker an andern. Schließlich hebt Rudolph selbst seine katholische Straftheorie auf. Er wollte die Todesstrafe abschaffen, die Strafe in Buße verwandeln, aber nur, solange der Mörder fremde Leute ermordet und die Glieder der Rudolphinischen Familie ungeschoren läßt. Rudolph adoptiert die Todesstrafe, sobald der Mord einen der Seinigen trifft, er bedarf einer doppelten Gesetzgebung, eine für seine eigne Person und eine für die profanen Personen. Durch Sarah erfährt er, daß Jacques Ferrand den Tod der Fleur de Marie herbeigeführt habe. Er sagt zu sich selbst: "Nein! es ist nicht genug! ... welche Glut der Rache! ... welcher Durst nach Blut! ... welche ruhige und reflektierte Wut! ... Solange ich nicht wußte, daß eines der Opfer dieses Ungeheuers mein Kind war, sagte ich mir: der Tod dieses Menschen würde unfruchtbar sein ... das Leben ohne Geld, das Leben ohne Sättigung seiner frenetischen Sinnlichkeit wird eine lange und doppelte Tortur sein ... Aber es ist meine Tochter ..... Ich werde diesen Menschen töten!" Und er stürzt fort, um ihn zu töten, findet ihn aber in einem Zustand, der die Mordtat überflüssig macht. Der "gute" Rudolph! Mit der Fieberglut der Rachlust, mit dem Durst nach Blut, mit der ruhigen und reflektierten Wut, mit der Heuchelei, welche jede schlechte Regung kasuistisch beschönigt, besitzt er gerade alle die Leidenschaften des Bösen, um derentwillen er andern die Augen aussticht. Nur Glückszufälle, Geld und Rang retten den "Guten" vor dem Bagno. "Die Macht der Kritik" macht zum Ersatz für seine sonstige Nichtigkeit diesen Don Quijote zum "bon locataire", "bon voisin", "bon ami", "bon père", "bon bourgeois", "bon citoyen", "bon prince", <"guten Mieter", "guten Nachbarn", "guten Freund", "guten Vater", "guten Bürger", guten Staatsbürger", "guten Fürsten"> und wie diese Tonleiter, die Herr Szeliga absingt, weiter heißt. Das ist mehr als alle Resultate, welche "die Menschheit in ihrer ganzen Geschichte" gewonnen hat. Das reicht hin, damit Rudolph "die Welt" zweimal vor dem "Untergehen" rette !
7. Enthüllung der nationalökonomischen Geheimnisse
a) Theoretische Enthüllung der nationalökonomischen Geheimnisse
b) "Die Armenbank"
c) Musterwirtschaft zu Bouqueval
8. Rudolph, "das enthüllte Geheimnis aller Geheimnisse"
IX. Kapitel
Das kritische jüngste Gericht
Historische Nachrede Wie wir nachträglich erfahren haben, ist nicht die Welt, sondern die kritische "Literatur-Zeitung" untergegangen.
Friedrich Engels – Die Lage der arbeitenden Klasse in England
Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - An die arbeitende Klasse Großbritanniens
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - Vorwort
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - Einleitung
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - Das industrielle Proletariat
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - Die grossen Staedte
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Konkurrenz
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - Die irische Einwanderung
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - Resultate
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - Die einzelnen Arbeitszweige
Die Fabrikarbeiter im engeren Sinne
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - Die uebrigen Arbeitszweige
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - Arbeiterbewegungen
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - Das Bergwerksproletariat
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - Das Ackerbauproletariat
Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England - Die Stellung der Bourgeoisie zum Proletariat
Friedrich Engels – Sozialismus auf dem Kontinent
Friedrich Engels – Rascher Fortschritt des Kommunismus in Deutschland
[I]
[II]
[III]
Friedrich Engels – Beschreibung kommunistischer Ansiedlungen
Friedrich Engels – Zwei Reden in Elberfeld
Friedrich Engels – Das küerzliche Gemetzel in Elberfeld
Friedrich Engels – Victorias Besuch
Friedrich Engels – Deutsche Zustaende
Friedrich Engels – Geschichte der englischen Korngesetze
Friedrich Engels – Nachtraegliches ueber die Lage der arbeitenden Klasse in England
Friedrich Engels – Ein Fragment Fouriers ueber den Handel
Friedrich Engels – Das Fest der Nationen in London
Karl Marx – Erklaerung