[Darstellung des Klassengegensatzes im Kapitalismus
als Gegensatz von Armut und Reichtum]
Schon oben einige Zitate von Linguet beweisen, daß ihm das Wesen der kapitalistischen Produktion klar ist[89]; und doch kann Linguet hier eingefügt werden nach Necker.[90]
In seinen beiden Schriften „Sur la législation et le commerce des grains“, erschien zuerst 1775, und1 „De l’administration des finances de la France etc.“ weist Necker nach, wie die Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit bloß dazu beiträgt, daß der Arbeiter weniger Zeit zur Reproduktion seines eignen Salairs braucht, also mehr Zeit für seinen employer2 unbezahlt arbeitet. Er geht dabei richtig aus von der Grundlage des Durchschnittsarbeitlohns, des Minimums des Salairs. Was ihn aber wesentlich beschäftigt, ist nicht die Verwandlung der Arbeit selbst in Kapital und die Akkumulation des Kapitals durch diesen Prozeß als vielmehr die allgemeine Entwicklung des Gegensatzes von Armut und Reichtum, von Armut und Luxus, indem in demselben Maß, wo ein geringres Quantum Arbeit genügt, die notwendigen Lebensmittel zu erzeugen, ein Teil Arbeit progressiv überschüssig wird und daher zur Produktion von Luxusartikeln benutzt, in einer andren Produktionssphäre verwandt werden kann. Ein Teil dieser Luxusartikel ist dauerhaft; und so akkumulieren sich die Luxusartikel im Besitz derer, die über die Surplusarbeit verfügen, von Jahrhundert zu Jahrhundert, und so wird der Gegensatz immer bedeutender.
Das wichtige ist, daß Necker überhaupt aus der Surplusarbeit den Reichtum der nicht arbeitenden Stände ||420| – Profit und Rente3 – her leitet. Bei der Betrachtung des Surpluswerts aber faßt er den relativen ins Auge, der nicht aus der Verlängerung des Gesamtarbeitstags, sondern aus der Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit resultiert. Die Produktivkraft der Arbeit wird zur Produktivkraft der Besitzer der Arbeitsbedingungen. Und die Produktivkraft selbst ist gleich Abkürzung der Arbeitszeit, notwendig, um ein bestimmtes Resultat zu produzieren. Das folgende sind die Hauptstellen:
Erstens: „De l'administration des finances de la France etc." (Œuvres, t. II, Lausanne et Paris 1789):
„Ich sehe eine der Klassen der Gesellschaft, deren Einkommen stets ungefähr das gleiche sein muß; ich bemerke eine andere Klasse, deren Reichtum sich notwendigerweise vermehrt. So mußte der Luxus, der aus einer Gegenüberstellung und einem Vergleich stammt, der Entwicklung dieses Mißverhältnisses folgen und im Laufe der Jahre immer auffallender werden." (l. c. p. 285, 286.)
(Schon schön der Gegensatz der beiden Klassen als Klassen.)
„Die Klasse der Gesellschaft, deren Los durch die Wirkung der sozialen Gesetze gewissermaßen festgelegt ist, besteht aus allen denen, die, da sie von der Arbeit ihrer Hände leben, unabweislich dem Gesetz der Eigentümer" (der Eigentümer der Produktionsbedingungen) „unterworfen und gezwungen sind, sich mit einem Arbeitslohn zu begnügen, der der baren Notdurft des Lebens entspricht; ihre Konkurrenz und der Druck ihrer Not bedingen ihre abhängige Lage; und diese Verhältnisse können sich nicht ändern." (l. c. p. 286.)
„Die ununterbrochene Erfindung von Werkzeugen, die alle mechanischen Kunstfertigkeiten vereinfacht haben, hat also den Reichtum und das Vermögen der Eigentümer vergrößert; ein Teil dieser Werkzeuge, der die Kosten der Bearbeitung des Grund und Bodens verringerte, hat die Revenue beträchtlicher gemacht, über die die Besitzer dieser Güter verfügen können; ein anderer Teil der Entdeckungen des Menschengeists hat die gewerblichen Arbeiten dermaßen erleichtert, daß die Menschen, die im Dienst der Austeiler der Existenzmittel" (i. e. der Kapitalisten) „stehen, in der gleichen Zeitspanne und für den gleichen Lohn eine größere Menge von Produkten jeder Art herstellen können." (p. 287.) „Nehmen wir an, daß im letzten Jahrhundert hunderttausend Arbeiter nötig waren, um das zu leisten, was man heute mit achtzigtausend zustande bringt; dann sind die übrigen zwanzigtausend gezwungen, sich anderen Beschäftigungen zuzuwenden, um Arbeitslöhne zu erlangen; und die neuen Produkte der Arbeit ihrer Hände, die daraus entspringen, werden die Genüsse und den Luxus der Reichen vermehren." (p. 287, 288.)
„Denn", fährt er fort, „man darf nicht außer acht lassen, daß die Arbeitslöhne in allen den Berufen, die kein besonderes Talent erheischen, immer dem Preis des für jeden Arbeiter notwendigen Lebensunterhalts entsprechen; so kommt die Beschleunigung der Fertigstellung, sobald die Kenntnis davon allgemein geworden ist, nicht den Männern der Arbeit zugute, sondern bewirkt bloß eine Vermehrung von Mitteln, den Geschmack und die Eitelkeit derjenigen zu befriedigen, die über die Produkte der Erde verfügen.“ (l. c. p. 288.) „Unter den verschiedenen Gütern der Natur, welche die Geschicklichkeit des Menschen formt und verändert, gibt es viele, deren Dauer die eines Menschenlebens bedeutend übersteigt: Jede Generation erbt so einen Teil der Arbeiten der vorhergehenden Generation“
{er betrachtet hier nur die accumulation in dem, was A.Smith fonds de consommation4 nennt},
„und in allen Ländern wird ununterbrochen eine immer größere Menge von Produkten der Kunstfertigkeit akkumuliert; und da diese Menge immer unter die Eigentümer verteilt wird, muß das Mißverhältnis zwischen ihren Besitztümer und jenen der zahlreichen Klasse der Bürger immer auffallender und bemerkenswerter werden.“ (p. 289.)
Also:
„Die Arbeitsbeschleunigung in der gewerblichen Produktion, die auf der Erde die Gegenstände des Prunks und des Luxus vermehrt hat, die Zeit, in der die Akkumulation sich vollzogen hat, und die Gesetze des Eigentums, die diese Güter bei einer einzigen Klasse der Gesellschaft konzentriert haben…, diese großen Quellen des Luxus bestünden auf jeden Fall, welches immer die Summe des gemünzten Geldes wäre.“ (p. 291.)
(Dies letzte polemisch gegen die, die den Luxus von der angewachsnen Masse des Geldes herleiten.)
Zweitens: „Sur la législation et le commerce des grains etc.“ (Œuvres, t. IV):
„Sobald der Handwerker oder der Landmann keine Reserven mehr haben, können sie nicht mehr streiten; sie müssen heute arbeiten, wollen sie nicht morgen Hungers sterben; und in diesem Interessenkampf zwischen ||421|| Eigentümer und Arbeiter setzt der eine sein Leben und das seiner Familie aufs Spiel und der andere eine bloße Verzögerung im Wachstum seines Luxus.“ (l. c. p. 63.)
Dieser Gegensatz des Reichtums, der nicht arbeitet, und der Armut, die arbeitet, um zu leben, ruft ebenso einen Gegensatz des Wissens hervor. Wissen und Arbeit scheiden sich. Das erste tritt selbst als Kapital der letzteren gegenüber oder als Luxusartikel des Reichen.
„Die Fähigkeit zu wissen und zu begreifen ist eine allgemeine Gabe der Natur, aber sie wird nur durch Unterricht entwickelt; wäre das Eigentum gleichmäßig verteilt, würde jeder mäßig arbeiten“
(also wieder die Quantität der Arbeitszeit das Entscheidende)
„und jeder besäße etwas Wissen, weil jedem etwas Zeit“ (freie Zeit) „bliebe, die er dem Studium und dem Denken widmen könnte; aber bei der Ungleichheit des Besitzes, einer Wirkung der Gesellschaftsordnung, ist die Bildung allen Leuten versagt, die ohne Eigentum geboren sind; denn alle Unterhaltsmittel sind in Händen jenes Teils der Nation, der Geld oder Boden besitzt; und da niemand etwas umsonst gibt, ist der Mann, der ohne andere Reserve als seine Kraft geboren ist, gezwungen, sie vom ersten Augenblick ihrer Entwicklung an dem Dienste der Eigentümer zu widmen und damit sein ganzes Leben lang fortzufahren, von Sonnenaufgang bis zu dem Augenblick, da diese Kraft erschöpft ist und zu ihrer Erneuerung des Schlafs bedarf." (p. 112.) „Ist es schließlich nicht sicher, daß diese Ungleichheit der Kenntnisse zur Aufrechterhaltung aller der gesellschaftlichen Ungleichheiten notwendig wurde, die jene haben entstehen lassen?" (l. c. p. 113.) (cf. p. 118, 119.)
Necker verhöhnt die ökonomische Verwechslung – charakteristisch bei den Physiokraten mit Bezug auf la terre5, bei allen späteren Ökonomen mit Bezug auf die stofflichen Elemente des Kapitals –, welche die Eigentümer der Produktionsbedingungen verherrlicht, nicht weil sie selbst, sondern diese Bedingungen für die Arbeit und die Produktion des Reichtums nötig.
„Man beginnt die Bedeutung des Grundeigentümers (einer so leicht zu erfüllenden Funktion) mit der Bedeutung des Bodens zu verwechseln." (l. c. p. 126.) ||IX-421||