||935| Proudhons Polemik mit Bastiat über den Zins charakteristisch, sowohl für die Art und Weise, wie der vulgarian die Kategorien der politischen Ökonomie verteidigt, als wie der oberflächliche Sozialismus (Proudhons Polemik verdient kaum diesen Namen) sie angreift. Wir kommen darauf zurück in dem Abschnitt über die vulgarans. Hier nur einiges Vorläufige.
Die Refluxbewegung [des Geldes] durfte P[roudhon] nicht als Eigentümlichkeit schockieren, wenn er überhaupt etwas von der Bewegung des Kapitals verstand. Ebensowenig die surplus value des Refluierten. Es ist das die kapitalistische Produktion Charakterisierende.
{Bei ihm aber, wie wir sehn werden, das surplus surcharge1. Er ist überhaupt schülerhaft in seiner Kritik und hat sich nie der ersten Elemente der Wissenschaft, die er kritisieren will, bemächtigt. So z. B. nie Geld als notwendige Form der Ware begriffen. (Sieh ersten Teil.2) Hier verwechselt er gar Geld und Kapital, weil das ausleihbare Kapital als Geldkapital in der Form des Geldes erscheint.}
Was ihn frappieren konnte, war nicht das surplus, für das kein Äquivalent gezahlt wurde, denn surplus value – und auf ihr beruht die kapitalistische Produktion – ist value, die kein Äquivalent gekostet hat. Dies ist nichts Charakteristisches für das zinstragende Kapital. Das Charakteristische ist nur – soweit wir die Form der Bewegung betrachten – das erste Moment, grade das Umgekehrte von dem, was P[roudhon] meint, nämlich daß der Verleiher das Geld weggibt, ohne de prime abord3 ein Äquivalent dafür zu erhalten, und daß so der return des capital4 mit Zins, soweit die Transaktion zwischen Verleiher und Borger geht, die Metamorphosen [nichts angeht], die das Kapital durchläuft und die sich, soweit sie bloße Metamorphosen der ökonomischen Form sind, als Reihe von exchanges5, Verwandlung von Ware in Geld, Verwandlung von Geld in Ware zeigen; soweit sie reale Metamorphosen oder Produktionsprozeß sind, mit der industriellen Konsumtion zusammenfallen. Die Konsumtion bildet hier selbst ein Moment der ökonomischen Formbewegung.
Was das Geld aber nicht in der Hand des Verleihers tut, tut es in der Hand des Borgers, der es wirklich als Kapital anwendet. Seine reelle Bewegung als Kapital macht es in der Hand des Borgers durch. Zu ihm kehrt es als Geld + Profit, Geld + 1/x Geld zurück. Die Bewegung zwischen Leiher und Borger drückt nur Anfangspunkt und Ausgangspunkt des Kapitals aus. Als Geld geht es aus der Hand von A in die Hand von B. In der Hand von B wird es Kapital, und als solches ist es, after a certain revolution, returned with profit6. Dieser Zwischenakt, der wirkliche Prozeß, der sowohl Zirkulationsprozeß wie Produktionsprozeß einschließt, geht die Transaktion zwischen Borger und Verleiher nichts an. Sie beginnt erst wieder, nachdem das Geld sich als Kapital realisiert hat. Jetzt passiert das Geld zurück in die Hand des Verleihers, mit einem surplus, aber nur einem Teil des vom Borger realisierten surplus. Das Äquivalent, das er empfangen, ist der industrielle Profit, der Teil des Surplus, der ihm bleibt, und den er nur durch das geliehne Geld sich angeeignet hat. Dies alles nicht sichtbar in der Transaktion zwischen ihm und dem Verleiher. Diese beschränkt sich auf zwei Akte. Übergehn aus der Hand von A in die von B. Pause, worin das Geld in der Hand von B. Rückkehr des Geldes nebst Zins nach der Pause in die Hand von A.
Betrachtet man also bloß diese Form – diese Transaktion zwischen A und B –, so hat man die bloße Form des Kapitals ohne ihre Vermittlung: Geld, das als Summe a ausgegeben wird und als Summe a + 1/x a zurückkehrt in a certain period7, ohne daß irgendeine Vermittlung stattgefunden außer der Zeitperiode, die zwischen dem Wegflux der Summe a und ihrem Reflux als Summe a + 1/x a verläuft.
Und in dieser begriffslosen Form, in dieser Form, die allerdings als selbständige Bewegung neben der wirklichen Bewegung des Kapitals herläuft, sie eröffnet und sie schließt, betrachtet Mr. Proudhon das Ding, wo ihm dann alles unbegreiflich sein muß. Hörte diese Form des Leihens auf, statt des Kaufens und Verkaufens, so meint er, das surplus fiele weg. Nur die Teilung des surplus zwischen zwei Sorten von Kapitalisten fiele weg. Aber diese Teilung kann und muß sich stets von neuem erzeugen, sobald Ware oder Geld sich in Kapital verwandeln kann, und das kann es stets auf Basis der Lohnarbeit. Sollen Ware und Geld nicht Kapital werden können und darum auch nicht als Kapital in posse8 verliehen werden können, so dürfen sie nicht der Lohnarbeit gegenübertreten. Sollen sie ihr als Ware und Geld so nicht gegenübertreten und die Arbeit also selbst nicht Ware werden, so heißt dies nichts, als ||936|| zu den kapitalistischen Produktionsweisen vorhergehenden Produktionsweisen zurückkehren, worin sie sich nicht in Ware verwandelt, die Masse der Arbeit aber noch als Leibeignen- oder Sklavenarbeit erscheint. Mit der freien Arbeit als Basis dies nur möglich, wenn sie Eigentümer ihrer Produktionsbedingungen. Die freie Arbeit entwickelt sich innerhalb der kapitalistischen Produktion als gesellschaftliche Arbeit. Daß sie Eigentümer der Produktionsbedingungen, heißt also, daß diese den vergesellschafteten Arbeitern gehören und diese als solche produzieren, ihre eigne Produktion unter sich als vergesellschaftete subsumieren. Aber die Lohnarbeit und damit die Basis des Kapitals wollen, wie P[roudhon], und zugleich die „Übelstände" aufheben durch Negation einer abgeleiteten Form des Kapitals, ist schülerhaft.
„Graduité du Crédit. Discussion entre M.Fr.Bastiat et M.Proudhon", Paris 1850.
Leihen scheint ihm deswegen von Übel, weil es nicht Verkaufen ist.
Das auf Zins Leihen „ist die Fähigkeit, denselben Gegenstand stets von neuem zu verkaufen und dafür stets von neuem den Preis zu erhalten, ohne jemals das Eigentum an dem Gegenstand, den man verkauft, abzutreten". (l.c. p.9.) (Première lettre von Chevé, eines der Redacteurs de „La Voix du Peuple".)
Was ihn irremacht, ist, daß das „objet"9 (Geld oder Haus z.B.) nicht den Eigentümer wechselt, wie beim Kauf und Verkauf. Aber er sieht nicht, daß bei dem Weggeben des Geldes kein Äquivalent zurückerhalten ist, im wirklichen Prozeß dagegen, in der Form und auf der Basis der échanges nicht nur das Äquivalent, sondern ein nicht bezahltes surplus erhalten wird; soweit Wechsel, échange des objets10 stattfindet, kein change de values11 stattfindet, derselbe nach wie vor „propriétaire"12 derselben value ist, und soweit surplus stattfindet, kein échange stattfindet. Sobald die échanges von Ware und Geld wieder beginnen, ist das surplus bereits absorbiert in der Ware. Proudhon begreift nicht, wie der Profit, also auch nicht der Zins, aus dem Gesetz des Austauschs von Werten hervorgeht. „Maison", „argent"13 etc. sollen daher nicht als „Kapital" ausgetauscht werden, sondern als „marchandise ... à prix de revient"14. (p. 43, 44.)
„In der Tat, der Hutmacher, der Hüte verkauft ... erhält dafür den Wert, nicht mehr und nicht weniger. Aber der verleihende Kapitalist ... empfängt nicht nur sein Kapital unverkürzt zurück; er empfängt mehr als das Kapital, mehr als er in den Austausch wirft; er empfängt über das Kapital hinaus einen Zins." (p. 69.)
Die chapeliers15 des Herrn P[roudhon] scheinen keine Kapitalisten zu sein, sondern Knoten, Handwerksburschen.
„Da sich im Handel der Zins des Kapitals dem Lohn des Arbeiters hinzufügt, um den Preis der Ware zusammenzusetzen, so ist es unmöglich, daß der Arbeiter das Produkt seiner eigenen Arbeit zurückkaufen kann. Von eigener Arbeit leben ist ein Prinzip, das, unter der Herrschaft des Zinses, einen Widerspruch einschließt." (p. 105.)
In lettre16 IX (p. 144–152) verwechselt der brave P[roudhon] Geld als Zirkulationsmittel mit Geld als Kapital und schließt daher, daß das in Frankreich existierende „Kapital" 160% beträgt (nämlich 1600 millions d'intérêt annuel17 in Staatsschuld, Hypothek etc. für ein capital d'un milliard, „la somme de numéraire ... circulant en France"18).
Ferner:
„Daraus, daß durch die Akkumulation der Zinsen das Geldkapital von Tausch zu Tausch stets zu seiner Quelle zurückkehrt, folgt, daß die Wiederverleihung, stets von derselben Hand vollzogen, immer derselben Person Gewinn bringt." (p. 154.)
Weil das Kapital in der Form Geld ausgeliehn wird, glaubt er, daß das capital-argent, d. h. numéraire19, diese spezifische Eigenschaft besitzt. Es soll alles verkauft, nichts geliehn werden. In andern Worten: Wie er die Ware wollte, aber nicht wollte, daß sie „Geld" werde, so will er hier Ware, Geld, aber sie sollen sich nicht zum Kapital entwickeln. Alle phantastischen Formen abgestreift, meint das nichts, als daß von der kleinen spießbürgerlich-bäuerlichen und handwerksmäßigen Produktion nicht zur großen Industrie fortgegangen werden soll.
„Da der Wert nichts ist als ein Verhältnis und alle Produkte notwendigerweise in einem Verhältnis zueinander stehen, so folgt daraus, daß vom gesellschaftlichen Standpunkt aus die Produkte immer Werte sind und sichere Werte. Der Unterschied zwischen Kapital und Produkt besteht für die Gesellschaft nicht. Dieser Unterschied ist ganz subjektiv, besteht bloß für die Individuen." (p. 250.)
Welch Unheil, wenn solche deutsch-philosophischen Phrasen wie „subjektiv" in die Hand eines P[roudhon] sich verirren. Die sozialen bürgerlichen Formen sind für ihn „subjektiv". Und die subjektive und dabei falsche Abstraktion, daß – weil Tauschwert der Ware eine Proportion zwischen Waren ausdrückt, sie jede beliebige Proportion zwischen Waren und nicht ein drittes ausdrückt, zu dem die Waren proportionell sind – diese falsche „subjektive“ Abstraktion ist der point de vue social20, von dem daher nicht nur Ware und Geld identisch sind, sondern Ware, Geld und Kapital. So sind in der Tat von diesem „gesellschaftlichen Standpunkt“ aus alle Kühe grau.
Schließlich noch das surplus in der Form der Moral:
„Alle Arbeit soll einen Überschuß liefern.“ (p.200.)
Mit welchem Moralgebot natürlich das surplus sehr schön definiert ist. |937||
||937| Luther, lebend in der Zeit der Auflösung der mittelaltrig-bürgerlichen Gesellschaft in die Elemente der modernen – ein Prozeß, den der Welthandel und die Goldentdeckungen beschleunigten –, kennt das Kapital natürlich nur in den 2 antediluvianischen [Formen] des zinstragenden Kapitals und des Handelskapitals. Wenn die schon erstarkte kapitalistische Produktion in ihrer Kindheitsphase das zinstragende Kapital gewaltsam dem industriellen zu unterwerfen sucht – in Holland, wo die kapitalistische Produktion in der Form der Manufaktur und des großen Handels zuerst aufblüht, dies faktisch zuerst getan, in England im 17. Jahrhundert als die erste Bedingung der kapitalistischen Produktion proklamiert in zum Teil sehr naiven Formen –, so beim Übergang in dieselbe umgekehrt die Anerkennung des „Wuchers“, der altmodischen Form des zinstragenden Kapitals, als einer Produktionsbedingung, als notwendigem Produktionsverhältnis, der erste Schritt; wie später, sobald das industrielle Kapital das zinstragende sich unterworfen (18. Jahrhundert, Bentham(128)), es selbst dessen Berechtigung anerkennt, es als Fleisch von seinem Fleisch erkennt.
Luther steht über Proudhon. Es ist nicht der Unterschied zwischen Leihen und Kaufen, der ihn irremacht; in beiden erkennt er den Wucher gleichmäßig. Was an seiner Polemik sonst das Schlagendste, ist, daß das Eingewachsensein des Zinses in das Kapital von ihm als Hauptpunkt des Angriffs gefaßt wird.
I. Bücher vom Kaufhandel und Wucher, vom Jahre 1524. VI. Teil von Luthers Werken, Wittenberg 1589. (Dies geschrieben zur Zeit oder Vorabend des Bauernkriegs.)
Kaufhandel (Handelskapital):
„Nun ist bei den Kaufleuten eine große Klage über die Edelleut oder Räuber“ {Man sieht, warum die Kaufleute gegen die Bauern und Ritter, mit den Fürsten} „wie sie mit großer Fahr müssen handeln, und werden drüber gefangen, geschlagen, geschatzt und beraubt etc. Wenn sie aber solches um der Gerechtigkeit willen litten: so wären freilich die Kaufleut heilige Leut… Aber weil solch groß Unrecht und unchristliche Dieberei und Räuberei über die ganze Welt durch die Kaufleut, auch selbst untereinander, geschieht: was ist Wunder, ob Gott schafft, daß solch groß Gut, mit Unrecht gewonnen, wiederum verloren oder geraubt wird, und sie selbst dazu über die Köpfe geschlagen oder gefangen werden? … Und den Fürsten gebürt, solche unrechte Kaufhändel mit ordentlicher Gewalt zu strafen und zu weren, daß ihre Untertanen nicht so schändlich von den Kaufleuten geschunden würden. Weil sie das nicht thun: so braucht Gott der Reuter und Räuber, und straft durch sie das Unrecht an den Kaufleuten, und müssen seine Teufel sein: gleich wie er Aegyptenland und alle Welt mit Teufeln plagt, oder mit Feinden verderbt. Also stäupt er einen Buben mit dem andren, ohne daß er dadurch zu verstehn gibt, daß Reuter geringere Räuber sind denn die Kaufleut: sintemal die Kaufleut täglich die ganze Welt rauben, wo ein Reuter im Jar einmal oder zwei, einen oder zween beraubt." (S.296.)
....Gehet nach dem Spruche Esaie: Deine Fürsten sind der Diebe Gesellen geworden. Dieweil lassen sie Diebe hängen, die einen Gulden oder einen halben gestolen haben, und hantiren mit denen, die alle Welt berauben und stehlen sicherer denn alle andren, daß ja das Sprichwort wahr bleibe: Große Diebe hängen ||938|| die kleinen Diebe; und wie der römische Ratsherr Cato sprach: Schlechte Diebe liegen in Thürmen und Stöcken, aber öffentliche Diebe gehn in Gold und Seiden. Was wird aber zuletzt Gott dazu sagen? Er wird thun, wie er durch Ezechiel spricht, Fürsten und Kaufleut, einen Dieb mit dem andern, in einander schmelzen wie Blei und Erzt, gleich als wenn eine Stadt ausbrennt, daß weder Fürsten noch Kaufleut mer seien, als ich besorge, daß schon vor der Tür sei." (S.296a.)
Wucher. Zinstragendes Kapital:
„Ich lasse mir sagen, daß man jetzt jährlich auf einem jeglichen Leiptzischen Markt 10 Gulden, d. i. 30 aufs Hundert nimmt129; etliche setzen hinzu auch den Neuenburgischen Markt, daß es 40 aufs Hundert werden: obs mer sei, das weiß ich nicht. Pfui dich, wo zum Teufel will denn auch zuletzt das hinaus? … Wer nun jetzt zu Leiptzig 100 Floren hat, der nimmt jährlich 40, d. h. einen Bauer oder einen Bürger in einem Jar gefressen. Hat er 1000 Floren, so nimmt er jährlich 400, das heißt einen Ritter oder reichen Edelmann in einem Jar gefressen. Hat er 10 000, so nimmt er jährlich 4000; das heißt einen reichen Grafen in einem Jar gefressen. Hat er 100 000, wie es sein muß bei den großen Händlern, so nimmt er jährlich 40 000, das heißt einen großen reichen Fürsten in einem Jar gefressen. Hat er 1 000 000, so nimmt er järlich 400 000, d. h. einen großen König in einem Jar gefressen. Und leidet darüber keine Fahr, weder an Leib noch an Wahr, arbeit nichts, sitzt hinter dem Ofen und brät Aepfel: also möchte ein Stul-Räuber sitzen zu Hause, und eine ganze Welt in 10 Jaren fressen." (S.312, 313.)
{II. „Eyn Sermon auf das Evangelion von dem reichen Mann und armen Lazaro etc.", Witterberg 1555.
„Den reichen Mann müssen wir nicht ansehn nach seinem äußerlichen Wandel, denn er hat Schaffskleider an, und sein Leben gleißt und scheint hübsch, und deckt den Wolff meisterlich. Denn das Evangelion schillt ihn nicht, daß er Ehebruch, Mord, Raub, Frevel oder irgend etwas begangen hab, das die Welt oder Vernunfft taddeln möcht. Er ist ja so erbarlich an seinem Leben gewesen, als jener Pharisäer, der zwei mal in der Wochen faßtet und nicht war wie ander Leutt."}
Luther sagt uns hier, wodurch das Wucherkapital entsteht: Ruin von Bürgern (Kleinbürgern und Bauern), Rittern, Adel, Fürsten. Auf der einen Seite fließt die Surplusarbeit und dazu die Arbeitsbedingungen der Pfahlbürger, Bauern, Zünftler ihm zu, kurz des kleinen Warenproduzenten, der Geld braucht, um z. B. zu zahlen, bevor er seine Ware in Geld verwandelt, und gewisse seiner Arbeitsbedingungen selbst schon kauft etc. Anderseits von den Besitzern der Rente, die es sich aneignet; also von der verschwenderischen, genießenden richesse21. Insofern der Wucher das Doppelte bewirkt, erstens überhaupt ein selbständiges Geldvermögen zu bilden, zweitens die Arbeitsbedingungen sich anzueignen, d. h. die Besitzer der alten Arbeitsbedingungen zu ruinieren, ist er ein mächtiges Mittel in der Bildung der Voraussetzungen für das industrielle Kapital – ein mächtiges Agens in der Scheidung der Produktionsbedingungen vom Produzenten. Ganz wie der Kaufmann. Und beide haben das gemein, ein selbständiges Geldvermögen zu bilden, d. h. sowohl Teil der jährlichen Surplusarbeit, wie der Arbeitsbedingungen, wie der Akkumulation der jährlichen Arbeit, in der Form von Geldansprüchen in ihren Händen zu akkumulieren. Das wirklich in ihren Händen befindliche Geld bildet nur einen kleinen Teil, teils der jährlichen und jährlich akkumulierten Schatzbildung, teils des zirkulierenden Kapitals. Daß sie Geldvermögen bilden, heißt, daß ein bedeutender Teil, teils der jährlichen Produktion, teils der jährlichen Revenuen, ihnen zufällt, und zwar zahlbar nicht in natura, sondern in der verwandelten Form des Geldes. Soweit das Geld daher nicht aktiv als currency22 zirkuliert, sich in Bewegung findet, ist es akkumuliert in ihren Händen, zum Teil in ihren Händen auch die Reservoirs des zirkulierenden Gelds, und noch mehr befinden und akkumulieren sich in ihren Händen die Titel auf die Produktion, aber als Titel auf die in Geld verwandelte Ware, als Geldtitel. ||939| Der Wucher einerseits als Ruineur des feudalen Reichtums und Eigentums. Anderseits als Ruineur der kleinbürgerlichen, kleinbäuerlichen Produktion, kurz aller Formen, worin der Produzent noch als Eigentümer seiner Produktionsmittel erscheint.
In der kapitalistischen Produktion ist der Arbeiter Nichteigentümer der Produktionsbedingungen; weder des Ackers, den er bebaut, noch des Instruments, womit er arbeitet. Dieser Entfremdung der Produktionsbedingungen entspricht hier aber real change23 in der Produktionsweise selbst. Das Instrument wird zur Maschine; der Arbeiter arbeitet im Atelier etc. Die Produktionsweise selbst erlaubt nicht mehr diese mit dem kleinen Eigentum verbundene Zersplittrung der Produktionsinstrumente, sowenig wie die Zersplittrung der Arbeiter selbst. In der kapitalistischen Produktion kann der Wucher nicht mehr die Produktionsbedingungen vom Arbeiter, Produzenten scheiden, weil sie bereits geschieden sind.
Der Wucher zentralisiert nur da Vermögen, speziell in der Form des Geldvermögens, wo die Produktionsmittel zersplittert sind, wo also der Arbeiter mehr oder weniger selbständig produziert, als kleiner Bauer, Zünftler (kleiner Kaufmann) etc. Als Bauer oder Handwerker, mag dieser Bauer ein Leibeigner sein oder nicht, oder dieser Handwerker Zünftler oder Nichtzunftgenosse. Er eignet sich hier nicht nur den Teil der surplus labour an, worüber selbst der Hörige verfügt, oder die ganze surplus labour, wo freier Bauer etc., sondern er eignet sich die Produktionsinstrumente an, deren nomineller Eigentümer der Bauer etc. bleibt und zu denen er in der Produktion selbst als Eigentümer sich verhält. Dieser Wucher beruht auf dieser Basis, dieser Produktionsweise, die er nicht verändert, sondern an die er sich als Parasit ansetzt und sie miserabel macht. Er saugt sie aus, enervt sie und verursacht die Reproduktion, unter immer scheußlicheren Bedingungen vorzugehn. Daher der populäre Haß gegen den Wucher, nun gar in den antiken Verhältnissen, wo diese Produktionsbestimmtheit – das Eigentum des Produzenten an seinen Produktionsbedingungen – zugleich Basis der politischen Verhältnisse, der Selbständigkeit des citoyen24. Das hört auf, sobald der Arbeiter keine Produktionsbedingungen mehr hat. Damit hört zugleich die Macht des Wuchers auf. Anderseits, soweit Sklaverei herrscht oder [soweit] die Surplusarbeit vom Feudallord und seinen retainers25 aufgegessen wird und diese dem Wucher verfallen, bleibt die Produktionsweise ditto dieselbe; nur wird sie härter. Der verschuldete slave holder26 oder Feudallord saugt mehr aus, weil er selbst ausgesaugt wird. Oder schließlich macht er dem Wucherer Platz, der selbst Grundeigentümer etc. wird, wie der eques27 etc. im alten Rom. An die Stelle des alten Exploiteurs, dessen Exploitation mehr oder minder politisches Machtmittel war, tritt a coarse, money-hunting parvenu28. Aber die Produktionsweise selbst wird nicht geändert.
Revolutionär wirkt der Wucherer in allen vorkapitalistischen Produktionsweisen nur politisch, indem er die Eigentumsformen zerstört und ruiniert, auf deren fester Basis, i.e. beständiger Reproduktion in derselben Form, die politische Gliederung ruht. Auch zentralistisch [wirkt der Wucherer], aber nur zentralistisch auf der Basis der alten Produktionsweise, wodurch die Gesellschaft, außer den Sklaven, Leibeignen etc. und ihren neuen Herrn, sich in Mob auflöst. Bei asiatischen Formen kann der Wucher lange fortdauern, ohne etwas andres als ökonomisches Verkommen und politische Verderbtheit hervorzurufen, ohne aber real aufzulösen. Erst in einer Epoche, wo die übrigen Bedingungen zur kapitalistischen Produktion vorhanden – freie Arbeit, Weltmarkt, Auflösung des alten Gesellschaftszusammenhangs, Entwicklung der Arbeit auf eine gewisse Stufe, Entwicklung der Wissenschaften etc. –, erscheint der Wucher als eines der Bildungsmittel der neuen Produktionsweise; zugleich Ruin der Feudallords, der Säulen des antibürgerlichen Elements, und Ruin der kleinen Industrie, Agrikultur etc., kurz, Mittel der Zentralisation der Arbeitsbedingungen als Kapital.
Daß die Wuchrer, Kaufleute etc. das „Geldvermögen“ besitzen, heißt nichts, als daß das Vermögen der Nation, soweit es als Ware und Geld erscheint, sich in ihren Händen konzentriert.
Die kapitalistische Produktion hat ursprünglich mit dem Wucher zu kämpfen, soweit der Wucherer selbst nicht Produzent wird. Ist die kapitalistische Produktion etabliert, so hat die Herrschaft des Wuchers über die *Surplusarbeit, die an die Fortdauer der alten Produktionsweise geknüpft war, schon aufgehört. Als Profit kassiert der industrielle Kapitalist unmittelbar das Surplus ein; er hat sich auch schon der Produktionsbedingungen zum Teil bemächtigt, und ein Teil der jährlichen Akkumulation wird direkt von ihm angeeignet. Von diesem Augenblick an wird, namentlich sobald sich das industrielle und kommerzielle Vermögen entwickelt, der Wucherer, d.h. Zinsverleiher, bloß eine durch die Teilung der Arbeit vom industriellen Kapitalisten getrennte, aber dem industriellen Kapital unterworfne Person.
||940|| III. „An die Pfarrherrn wider den Wucher zu predigen etc.", Wittemberg 1540 (ohne Pagination).
Handeln (Kaufen, Verkaufen) und Leihen. (Luther läßt sich nicht wie Proudhon durch diesen Formunterschied täuschen.)
„Ich habe vor fünfzehn Jahren wider den Wucher geschrieben, da er bereits so gewaltig eingerissen war, daß ich keiner Besserung zu hoffen wüßte. Seit der Zeit hat er sich also erhebt, daß er nun auch kein Laster, Sünde oder Schande mehr sein will, sondern läßt sich rühmen für eitel Tugend und Ehre, als thue er den Leuten große Liebe und einen christlichen Dienst. Was will nun helfen und raten, da Schande ist Ehre und Laster ist Tugend worden? Seneca spricht aus der natürlichen Vernunfft. Deest remedii locus, ubi, quae vita fuerunt, mores funt.29 Deutschland ist gewesen, was hat sollen werden, der leidige Geitz und Wucher habens zu Grunde verderbet…
Erstlich von Leihen und Borgen. Wo man Geld leihet, und dafür mehr oder besseres fordert oder nimmt, das ist Wucher, in allen Rechten verdammt. Darum alle die jenen, so fünf, sechs oder mehr aufs Hundert nemen, vom geliehen Gelde, die sind Wucherer, danach sie sich wissen zu richten, und heißen des Geitzes oder Mammons abgöttische Diener… Also eben soll man von Korn, Gerste und ander mehr Wahr auch sagen, daß, wo man mehr oder bessres dafür fordert, das ist Wucher, gestolen und geraubt Gut. Denn Leihen heißt, daß, wenn ich jemand mein Geld, Gut oder Geräte thue, daß ers brauche wie lange ihm Not ist, oder ich kan und wil, und er mir dasselbe zu seiner Zeit wider gebe, so gut als ichs im habe geliehen." „Machen also aus dem Kaufen auch einen Wucher. Aber das ist jetzt zu viel auf einen Bissen. Müssen jetzt das eine Stück, als vom Wucher im Leihen handeln, wenn wir dem haben gesteuert (nach dem jüngsten Tage) so wollten wir dem Kaufwucher auch seinen Text wol lesen."
„Spricht Junker Wucher also: Lieber, als jetzt die Läufe sind, so thue ich meinem Nächsten einen grossen Dienst darin, daß ich ihm leihe Hundert auf fünf, sechs, zehen. Und er dankt mir solchen Leihens, als einer sonderlichen Wohlthat. Bittet mich wol dreimal, erbeut sich auch selber willig und ungezwungen, mir fünff, sechs, zehn Gülden vom Hundert zu schenken. Solt ich das nicht von Wucherer mit gutem Gewissen mögen nemen? … Laß Du Rühmen, Schmücken und Putzen … Wer aber mehr oder bessres nimmt, das ist Wucher, und heißt nicht Dienst, sondern Schaden gethan seinem Nahesten, als mit Stelen und Rauben geschieht. Es ist nicht alles Dienst und wolgethan seinem Nahesten, was man heißt Dienst und Wolgethan. Denn eine Ehebrecherin und Ehebrecher thun einander grossen Dienst und Wolgefallen. Ein Reuter that einem Mordbrenner grossen Reuterdienst, daß der ihm hilft, auf der Straßen rauben, Land und Leute bevebden. Die Papisten thun den unsren grossen Dienst, daß sie nicht alle ertrinken, verbrennen, ermorden, im Gefängnis verfaulen lassen, sondern lassen doch etliche leben und verjagen sie, oder nemen jenen was sie haben. Der Teufel that selber seinen Dienern grossen, unermeßlichen Dienst … Summa, die Welt ist voll grosser, trefflicher, täglicher Dienste und Wolthaten … Die Poeten schreiben von einem Cyclop Polyphemo, daß er dem Ulysse verhieß, er wollt ihm die Freundschaft thun, daß er zuvor seine Gesellen, danach ihn zuletzt, wollte fressen. Ja es ist auch ein Dienst und eine feine Wolthat gewest. Solcher Dienst und Wolthat fleissigen und üben sich jetzt Edel und unedel, Bauern und Bürger, kaufen auf, halten inne, machen theure Zeit, [941] steigern Korn, Gerste und alles was man haben soll, wischen darnach das Maul und sprechen: Ja was man haben muß, das muß man haben, ich lasse es den Leuten zu Dienst, könnt ichs doch wol behalten, also ist dann Gott fein getauscht und genarret … So gar heilig sind die Menschenkinder worden … also kann jetzt Niemand mehr wuchern, geitzen, noch böse sein, die Welt ist eitel heilig worden, dient jedermann dem andren, niemand thut dem andren Schaden … Thut er aber damit einen Dienst, so thuts er dem leidigen Teufel, obgleich ein armer, benögtigter Mann solchen Diensts bedarf, und wol muß solches für einen Dienst oder Wolthat annehmen, daß er nicht gantz und gar gefressen werde … Er thut Dir und muß Dir thun solchen Dienst“ {den Wucher zahlen}, „will er anders Geld haben."
{Man sieht aus dem Obigen, daß Wucher sehr zugenommen zur Zeit Luthers, zugleich schon als „Dienet“ (Say-Bastiat30) apologisiert. Schon die Konkurrenzauffassung oder Harmonieauffassung: „dient jedermann dem andren“. In der antiken Welt, in der beßren Zeit, Wucher verboten (i. e. kein Zins erlaubt). Später gesetzlich. Sehr vorherrschend. Theoretisch stets (wie bei Aristoteles(131)) die Ansicht, daß er an und für sich schlecht. Im christlichen Mittelalter „Sünde“ und „kanonisch“ verboten. Neue Zeit. Luther. Noch die katholisch-heidnische Fassung. Sehr um sich greifend (teils infolge des Geldbedürfnisses der Regierung, Entwicklung des Handels und Manufaktur, Notwendigkeit der Geldwerdung des Produkts). Aber schon seine bürgerliche Berechtigung behauptet. Holland. Erste Apologie des Wuchers. Er da auch zuerst modernisiert, dem produktiven oder kommerziellen Kapital unterworfen. England. 17. Jahrhundert. Polemik nicht mehr gegen den Wucher an sich, sondern gegen die Größe des Zinses, sein dominierendes Verhältnis zum Kredit. Drang, die Kreditform zu schaffen. Gewaltsame Bestimmungen. 18. Jahrhundert. Bentham. Der freie Wucher als Element der kapitalistischen Produktion anerkannt.}
[Noch einige Auszüge aus Luthers Schrift „An die Pfarrherrn wider den Wucher zu predigen“.]
Zins als Schadenersatz.
„Wolan, hie ist weltlich und juristisch von der Sache zu reden (die Theologia müssen wir sparen bis hernach), so bist Du Baltzer mir schuldig hienach zu geben über die hundert Gülden, alles was der Schadewacht mit aller Unkost darauf getrieben hat."
{Unter Unkost versteht er Gerichtskosten etc., die dem Anleiher, weil er selbst nicht zahlen konnte, erwachsen sind.}
„...Darum ists billig, auch der Vernunft und natürlichem Recht nach, daß Du mir alles widerstattest, beide die Hauptsumme mit dem Schaden … Solchen Schadewacht heißen die Juristenbücher zu Latein Interesse…
Ueber diesen Schadewacht kann noch einer fürfallen. Wenn Du Baltzer mir nicht wiedergiebst auf Michaelis, die hundert Gülden, und stehet mir für“ {steht mir bevor} „ein Kauf, das ich könnte kaufen einen Garten, Acker, Haus oder was für ein Grund ist, davon ich grossen Nutzen oder Narung möchte haben, für mich und meine Kinder, so muß ichs lassen faren, und du thust mir den Schaden und Hindernis, mit deinem Saumen und Schlafen, daß ich nimmer mir kann zu solchem Kauf kommen etc. Nu ich Dir sie geliehn habe, machest mir einen Zwilling aus dem Schadewacht, daß ich hie nicht bezalen und dort nicht kaufen kann, und also zu beiden Teilen muß Schaden leiden, das heißt man duplex interesse, damni emergentis et lucri cessantis31…
Nachdem sie gehört, daß Hans mit seinen verlihenen Hundert Gülden hat Schaden gelitten, und billige Erstattung seines Schadens fordert, fahren sie plumps einhin und schlagen auf ein jeglich Hundert Gülden, solche zween Schadewacht, nemlich, des Bezahlens Unkost, und des versäumten Gartens Kauf, grade als weren den Hundert Gülden natürlich solche zween Schadewacht angewachsen, daß, wo Hundert Gülden vorhanden sind, die thun sie aus, und rechnen darauf solche zween Schaden, die sie doch nicht erlitten haben…
Darum bist du ein Wucherer, der Du selber deinen erdichten“ {erdichteten} „Schaden von deines Nehesten Gelde büssest, den dir doch niemand getan hat, und kannst ihn auch nicht beweisen noch berechnen. Solchen Schaden heißen die Juristen non verum, sed phantasticum interesse32. Ein Schaden, den ein jeglicher ihm selber erträumet…
Es gilt nicht also ||942| sagen, Es könnten die Schaden geschehn, daß ich nicht habe können bezalen noch kaufen. Sonst heißts, Ex contingente necessarium33, aus dem das nicht ist, machen das, das sein müsse; aus dem das ungewiß ist, eitel gewiß Ding machen. Solt solcher Wucher nicht die Welt auffressen in kurzen Jaren…
Es ist zufällig Unglück, das dem Leiher widerfaret, ohn sein Willen, daß er sich erholen muß; aber in den Handeln ists umgekehrt und gar das Widerspiel, da suchet und errichtet man Schaden, auf den benetigten Nehesten, will damit sich neren und reich werden, faul und müssig, prassen und prangen von ander Leut Arbeit, Sorge, Fahr, und Schaden; daß ich sitze hinter dem Ofen und lasse meine Hundert Gülden für mich auf dem Lande werben, und doch, weil es geliehen Geld ist, gewiß im Beutel behalte, ohne alle Fahr und Sorge, Lieber, wer möchte das nicht?
Und was vom geliehen Geld gesagt ist, das sol auch vom geliehen Getreide, Wein und dergleichen Wahr verstanden sein, daß solche zween Schaden mögen darinnen fürfallen. Aber, daß dieselben Schaden nicht solen der Wahr natürlich angewachsen sein, sondern zufällig widerfaren mögen, und darum nicht ehe für Schaden zu rechnen, sie seien denn geschehen und überweiset etc. ...
Wucher muß sein, aber wehe den Wucherern...
Auch alle weise, vernünftige Heiden den Wucher überaus übel gescholten haben. Als Aristoteles Polit. spricht, daß Wucher sei wider die Natur, aus der Ursache: Er nimmt allzeit mehr denn er giebt. Damit wird aufgehoben das Mittel und Richtmaß aller Tugend, das man heißt, gleich um gleich, aequalitas arithmetica34 etc. ...
Das heißt aber sich schendlich neeren, wer andren Leuten nimmt, stilet oder reubet, und heissen, mit Vrlaub, Diebe und Reuber, die man an Galgen pfleget zu henken, indeß ein Wucherer ein schöner Dieb und Reuber ist, und auf einem Stuel sitz, daher man sie Stulreuber heißt...
Die Heiden haben können aus der Vernunft rechnen, daß ein Wucherer sei ein vierfaltiger Dieb und Mörder. Wir Christen aber halten sie in solchen Ehren, daß wir sie schier anbeten um ihres Geldes willen ... Wer einem andern seine Narung aussauget, raubet und stilet, der thut ebenso grossen Mord (so viel an ihm liegt) als der einen Hungers sterbet und zu Grunde verderbet. Solches thut aber ein Wucherer und sitzet dieweil auf seinem Stuel sicher, so er billiger hengen solt am Galgen, und von so viel Raben gefressen werden, als er Gulden gestolen hatte, wo ander so viel Fleisches an ihm were, das so viel Raben sich drein stücken und teilen könnten...
Werden die Umschleger und Wucherer schreien, man soll Brieve und Siegel halten. Darauf haben die Juristen balde und reichlich geantwortet. In malis promissis35, so sagen die Theologen, die Brieve und Siegel, so etliche dem Teufel geben, sind nichts, wenn sie gleich mit Blut versiegelt und geschrieben sind. Denn was wider Gott, Recht und Natur ist, das ist ein Nullus. Darum greife nur ein Fürst, wer es thun kann, frisch drein, zerrisse Siegel und Brieve, kehre sich nicht daran etc. ...
Also ist kein grösser Menschenfeind auf Erden, nach dem Teufel, denn ein Geitzhals und Wucherer, denn er will über alle Menschen Gott sein. Türken, Krieger, Tyrannen sind auch böse Menschen, doch müssen sie lassen die Leute leben, und bekennen, daß sie Böse und Feinde sind, und können, ja müssen wol zuweilen sich über etliche erbarmen. Aber ein Wucherer und Geitzwanst, der wollt, daß alle Welt müßte in Hunger, Durst, Jammer und Not verderben, so viel an ihm ist, auf daß ers alles allein möcht haben, und jedermann von ihm als einen Gott empfangen und ||943|| ewiglich sein Leibeigener sein. Da lachet ihm sein Hertz, das erfrischt ihm sein Blut. Daneben gleich wol daher tretten, in marderen Schauben, güldnen Ketten, Ringen, Kleider, das Maul wischen, sich für einen theuren, frommen Mann lassen ansehen und rhümen, der auch viel barmhertziger ist wie der Gott selbst, viel freundlicher wie die Mutter Gottes, noch alle Heiligen sind...
Und was sie von des Herculis grossen Thaten schreiben, wie er so viele monstra, ungeheure Greuel zwinget, Land und Leute zu retten. Denn Wucher ist ein groß ungeheuer Monstrum, wie ein Beerwolff, der alles wüstet, mehr denn kein Cacus, Gerion oder Anteus etc. Und schmückt sich doch und will fromm sein, daß man nicht sehen soll, wo die Ochsen (so er rücklings in sein Loch zieht)"
{Allerliebstes Bild, auf den Kapitalisten überhaupt, der macht, als gehe von ihm aus, was er von andren in seine Höhle hereingeholt, gibt ihm aber, indem er es rücklings marschieren läßt, den Schein, als sei es aus ihr herausgekommen.}
„hinkommen. Aber Hercules soll der Ochsen und der Gefangenen Geschrei hören und den Cacum suchen, auch in Klippen und Felsen, die Ochsen wider lösen von dem Bösewicht. Denn Cacus heißt ein Bösewicht, der ein frommer Wucherer ist, stilet, raubet, frißt alles. Und wills doch nicht gethan haben, und ihn soll ja Niemand finden, weil die Ochsen, rücklings in sein Loch gezogen, Schein und Fußtapfen geben, als seien sie herausgelassen. Also will der Wucherer auch die Welt effen, als nütze er und gebe er der Welt Ochsen, so er sie doch zu sich allein reißt und frißt…
Darum ist ein Wucherer und Geizhals warlich nicht ein rechter Mensch, sündiget auch nicht menschlich, er muß ein Beerwolff sein über alle Tyrannen, Mörder und Reuber, schier so böse als der Teufel selber, und nicht als ein Feind, sondern als ein Freund und Bürger in gemeinem Schutz und Frieden sitzet, und dennoch greulicher reubet und mordet, weder kein Feind noch Mordbörner. Und so man die Straßenreuber, Mörder oder Beyheder redert und köpfet, wie viel sollt man alle Wucherer redern und edern, und alle Geitzhälse verjagen, verfluchen und köpfen…"
Höchst pittoresk und zugleich einerseits der Charakter des altmodischen Wuchers, anderseits des Kapitals überhaupt treffend gefaßt, mit dem „Interesse phantasticum"36, dem Geld und Ware „von Natur zugewachsenen Schadewacht", der allgemeinen Nützlichkeitsphrase, dem „frommen" Aussehn des Wucherers, der nicht ist „wie andere Leut", dem Schein zu geben, während genommen wird, und herauszulassen, während hereingezogen wird etc.!
„Der große Vorteil, der mit dem Besitz von Gold und Silber verbunden ist, da er die Möglichkeit gibt, die günstigen Momente des Kaufes auszuwählen, rief allmählich das Geschäft des Bankiers ins Leben… Der Bankier unterscheidet sich von dem alten Wucherer…, daß er dem Reichen borgt und selten oder nie dem Armen. Er borgt daher mit geringerem Risiko und kann es zu billigeren Bedingungen tun, und aus beiden Gründen vermeidet er den im Volke verbreiteten Haß, der den Wucherer traf." (F.W.Newman, „Lectures on Pol. Econ.", London 1851, p. 44.)
Die involuntary alienation37 des feudalen Grundeigentums entwickelt sich mit dem Wucher und Geld.
„Die Einführung des Geldes, das alle Dinge kauft und daher der Gegenstand der Gunst für den Kreditor ist, der Geld leiht dem Landbesitzer, bringt die Notwendigkeit gesetzlicher Veräußerung für den Vorschuß." (John Dalrymple, „An essay toward a general history of Feud. Prop. in Great Brit.", 4. edit. London 1759, p.124.)
[944] „Nach Thomas Culpeper (1641), Josias Child (1670), Paterson (1694) hängt der Reichtum von der selbst erzwungenen Reduktion der Zinstaxe des Goldes oder Silbers ab. Befolgt in England während fast zwei Jahrhunderten." (Ganilh [„Des systèmes d'économie politique…", seconde éd., tome premier, Paris 1821, p.58, 59.])
Als Hume im Gegensatz zu Locke die Bestimmung des Zinsfußes durch die Profitrate entwickelte, hatte er bereits viel höhere Entwicklung des Kapitals im Auge, noch mehr so Bentham, als er gegen Ende des 18. Jahrhunderts seine Verteidigung des Wuchers schrieb.
Von Heinrich VIII. bis Anna gesetzliche Herabsetzung des Zinsfußes.
Im Mittelalter in keinem Land ein allgemeiner Zinsfuß. Erst die Pfaffen strenge. Unsicherheit der gerichtlichen Anstalten zur Sicherung der Anleihe. Desto höher der Zinssatz in einzelnen Fällen. Der geringe Geldumlauf, die Notwendigkeit, die meisten Geldzahlungen bar zu leisten, und das Wechselgeschäft noch nicht ausgebildet. Große Verschiedenheit daher in Ansehung der Zinsen und dem Begriffe des Wuchers. Zu Karls des Großen Zeiten galt es für wucherlich, wenn 100 p.c. genommen. Zu Lindau am Bodensee, 1344, nahmen einheimische Bürger 2162/3 p.c. In Zürich bestimmte der Rat als gesetzlichen Zins 431/3 p.c. In Italien mußten zuweilen 40% gezahlt werden, obgleich vom 12.–14. Jahrhundert der gewöhnliche Satz nicht 20% überschritt. Verona ordnete als gesetzlichen Zins an 121/2%, Friedrich II. in seiner Verordnung 10%, aber dies bloß für die Juden. Für die Christen mochte er nicht sprechen. 10% im rheinischen Deutschland schon im 13. Jahrhundert das gewöhnliche. (Hüllmann. II. Teil, Geschichte des Städtewesens etc., S.55–57.)
Die enormen Zinsen im Mittelalter (soweit nicht auf den Feudaladel etc. erhoben) beruhten in den Städten großenteils auf den ungeheuren profits upon alienation38, die die Kaufleute und städtischen Gewerbler dem Land gegenüber, das sie prellten, machten.
In Rom, wie in der ganzen alten Welt, außer in den besonders industriell und kommerziell entwickelten Handelsstädten, wie Athen etc., ein Mittel für die großen Grundeigentümer, nicht nur die kleinen, die Plebejer, zu expropriieren, sondern ihre Person selbst sich anzueignen.
Der Wucher ursprünglich frei in Rom. Das Gesetz der 12 Tafeln (303 a.U.C.39) „legte den Geldzins auf 1% pro Jahr fest". (Niebuhr sagt 10.) „Das Gesetz wurde prompt übertreten. Duilius (398 a.U.C.) setzte von neuem den Geldzins auf 1% herab, unciaio fenore40. 408 wurde es auf ½% beschränkt; 413 wurden verzinsliche Darlehen absolut verboten. durch eine Volksabstimmung, die der Tribun Genucius veranlaßt hatte. Es ist nicht verwunderlich, daß in einer Republik, in der die Industrie sowie der Groß- und Kleinhandel verboten waren, man auch den Geldhandel verbot." (Dureau de la Malle [„Économie politique des Romains"], t.II, p.259-261.) „Das dauerte 300 Jahre bis zum Fall Karthagos. 12% nun. 6% war die übliche Rate des jährlichen Zinses." (l.c. p.261.) „Justinian legte den Zins auf 4% fest; usura quincunx41 beim Trajan ist der gesetzliche Zins von 5%. 12% war der gesetzliche Handelszins in Ägypten im Jahre 146 v.Chr." (p.262,263.) |944|
||950a| Über den Zins sagt Gilbert (J.W.), „The History and Principles of Banking", London 1834:
„Daß ein Mann, der Geld borgt mit der Absicht, Profit davon zu machen, einen Teil des Profits dem Verleiher geben soll, ist ein selbstverständliches Prinzip der natürlichen Gerechtigkeit. Ein Mann macht Profit gewöhnlich mittelst des Handelsverkehrs. Aber im Mittelalter die Bevölkerung rein agrikol. Und da, wie unter der feudalen Regierung, kann nur wenig Verkehr und daher wenig Profit sein. Daher die Wuchergesetze im Mittelalter gerechtfertigt. Außerdem braucht in einem agrikulturellen Land ein Mensch selten Geld zu borgen, es sei denn durch Unglücksfälle in Not geraten." (p.163.)
„Henry VIII. limitierte Zins auf 10%, Jakob I. auf 8, Charles II. auf 6, Anna auf 5%." (p.164, 165.) „In jenen Zeiten waren die Ausleiher, wenn nicht legale, so doch aktuelle Monopolisten, und daher war es nötig, sie wie andre Monopolisten unter restraint42 zu setzen." (l.c. p.165.) „In unsren Zeiten reguliert die Rate des Profits die Rate des Zinses; in jenen Zeiten regulierte die Rate des Zinses die Rate des Profits. Wenn der Geldverleiher den Kaufmann mit einer hohen Zinsrate belastete, mußte der Kaufmann eine höhere Profitrate auf seine goods43 schlagen. Daher eine große Summe Geldes genommen aus den Taschen der Käufer, um sie in die Tasche des money-lenders44 zu legen. Dieser additional price of goods45 geschlagen, machte das Publikum minder fähig und geneigt, sie zu kaufen." (p.165.)
Josias Child ... im 17.Jahrhundert, in den „Traités sur le commerce et sur les avantages qui résultent de la réduction de l'intérêt de l'argent", (écrit 1669, traduit de l'anglais46) Amsterdam et Berlin 1754. Ebenso „Traité contre l'usure" par Thomas Culpeper 1621, bekämpft Thomas Manley (dessen tract47: „Interest of Money mistaken"), den er den „champion of the userers"48 nennt. Der Ausgangspunkt natürlich, wie alle Räsonnements der englischen Ökonomisten des 17.Jahrhunderts, der Reichtum Hollands, wo low rate of interest49. Child macht diesen low rate of interest zum Grund des Reichtums, Manley sagt, daß er nur die Folge.
„Um zu wissen, ob ein Land arm oder reich ist, hat man nur zu fragen: Welches ist der Zinsfuß des Geldes." (l.c. p.74.)
„Als Vorkämpfer der verschlagenen und furchtsamen Bande der Wucherer errichtet er seine Hauptbatterie an dem Punkt, den ich für den schwächsten erklärt habe ... er leugnet gradezu, daß der niedere Zinsfuß die Ursache des Reichtums sei, und versichert, er sei nur seine Wirkung." (p.120.)
„Wenn man den Zins reduziert, sind die, die ihr Geld rückfordern, gezwungen, Ländereien zu kaufen" (deren Preis steigt durch die quantité des acheteurs50) „oder es in dem commerce51 zu placieren." (p.133.)
„Solange der Zins 6% ist, wird niemand sich exponieren, Risiko zu laufen in dem Seehandel, um nur 8–9% zu gewinnen, ein Profit, womit die Holländer, die das Geld zu 4 und 3% haben, sehr zufrieden sind." (p.134.)
„Der niedrige Zins und der hohe Preis der Ländereien zwingt den Kaufmann beständig, beim commerce zu bleiben." (p.140.) „Die Zinsreduktion führt eine Nation zur Sparsamkeit." (p.144.)
„Wenn es der Handel ist, der ein Land bereichert, und wenn die Herabsetzung des Zinses den Handel vermehrt, so ist eine Reduktion des Zinses oder Beschränkung des Wuchers ohne Zweifel eine primäre und hauptsächliche Ursache der Reichtümer einer Nation. Es ist durchaus nicht absurd zu sagen, daß dieselbe Sache zu gleicher ||950b| Zeit Ursache unter gewissen Umständen und Wirkung unter andern sein kann." (p.155.)
„Das Ei ist die Ursache der Henne, und die Henne ist die Ursache des Eis. Die Zinsenreduktion kann also eine Vermehrung des Reichtums und die Vermehrung des Reichtums eine noch größere Zinsenreduktion verursachen. Die erstere läßt sich durch ein Gesetz tun." (p.156.)
„Ich bin der Verteidiger der Industrie, und mein Gegner verteidigt die Faulheit und den Müßiggang." (p.179.)
Hier direkt als Vorkämpfer des industriellen und kommerziellen Kapitals. |XV-950b|